Haarspaltereien

26. March 2008 - 22:36

Es hat mehr als zwei Jahre nach der Tat gebraucht, bevor dem Feuilleton der Süddeutschen Zeitung vor einer guten Woche auffiel, dass vielleicht falsch sein könnte, was das selbe Blatt im politischen Teil immer wieder mal behauptet.

Kein Satz wird so häufig mit dem amtierenden Präsidenten Irans, Mahmud Ahmadinedschad, assoziiert wie dieser: Israel muss von der Landkarte radiert werden. Das Problem ist nur – er hat diesen Satz nie gesagt. (SZ1)

Diese Entdeckung ist nicht vollständig neu, denn eine sorgfältige Übersetzung des einschlägigen Absatzes aus Ahmadinejads Rede am 26. Oktober 2005 ergibt, dass der iranische Präsident nicht davon gesprochen hat, dass Israel „von der Landkarte ausgelöscht“ oder „ausradiert“ werden müsse, sondern die präzise Formulierung lautet auf Deutsch

Imam Khomeni sagte, dass das Regime, das Jerusalem besetzt hält, aus den Seiten der Geschichte verschwinden muss.

Diese Entdeckung ist nicht neu. Schon kurz nachdem das (falsche) Zitat international für Aufregung sorgte, machten verschiedene Farsi-Kenner auf den Irrtum aufmerksam (Wikipedia hat einen englischen Eintrag, der die Kontroverse ganz gut zusammenfasst). Dass trotzdem immer wieder falsch zitiert wird, hat offensichtliche politische Gründe.

Heute nun meldet sich wieder im Kulturteil der Süddeutschen Mariella Ourghi zu Wort, die uns als „Islamwissenschaftlerin an den Universitäten Jena und Freiburg“ vorgestellt wird, die „über den schiitischen Mahdi-Glauben in der Neuzeit“ forscht.

Zum Mahdi gleich.

Frau Ourghi versucht sich mit Hilfe eines Persisch-Deutschen Wörterbuches an der Interpretation eines der Schlüsselworte aus dem Zitat von Ahmadinejad, um dann zu einer tollkühnen Schlussfolgerung zu kommen:

Es ist also wohl eher Haarspalterei, auf gewisse Übersetzungsungenauigkeiten zu verweisen. An Sinn und Zielsetzung des Satzes ändert es wenig. (SZ2)

Tatsächlich nicht?

Man muss nicht einmal Persisch können, um einen Unterschied zwischen „von der Landkarten tilgen / wischen / löschen / ausradieren“ und „aus den Seiten der Geschichte verschwinden“ zu erkennen.

Die erste Variante könnte als unmittelbare physische Bedrohung des Staates Israel inkl der darin lebenden Menschen verstanden werden, weshalb diese Interpretation ja gern als Beleg für aggressivste iranische Pläne, eine Atombombe nicht nur zu bauen, sondern sie auch gegen Israel einsetzen zu wollen, herangezogen wird.

Variante Zwei zielt eher in die Richtung, dass der Iran das politische System Israels zu Fall bringen will. Die „Zionisten“, wie man es in Teheran nennt, und unterscheidet dabei zwischen Juden („Volk des Buches“, im eigenen Land seit Jahrhunderten tolerierte Minderheit = kein Problem) und „Zionisten“ (Imperialistische Statthalter des anti-islamischen Westens, die heiliges / palästinensisches Land rauben und besetzen = Verbrecher). Nicht selten fällt diese Unterscheidung alles andere als überzeugend aus und es offenbart sich ein solider Unterbau an Anti-Semitismus.

Der Sturz der „Zionisten“, ihr „Verschwinden aus der Geschichte“ ist mit keiner direkten Drohung gegen die Bevölkerung Israels verbunden und kann durchaus politisch erfolgen.

Es ist der Unterschied zwischen einem beabsichtigten Völkermord und der Absicht, ein politisches System zum Einsturz zu bringen. Haarspalterei??

Teheran macht alles andere als ein Geheimdienst daraus, dass es den Staat Israel nicht anerkennt, und sich eine „politische“ Lösung des Palästina-Israel-Konfliktes in einer Volksabstimmung vorstellt, an der auch die Palästinenser teilnehmen sollen, die aus Israel vertrieben wurden. Das Ergebnis einer solchen Abstimmung ist leicht voraus zu sehen.

Frau Ourghi scheint davon, obwohl es erklärte Politik des Irans (nicht erst seit Ahmadinejad) ist und 1000fach verkündet wurde, nichts zu wissen.

Zum anderen bleibt offen, wie denn nach Ahmadinedschads Vorstellung eine israelische Regierung aussehen sollte, die nicht besatzerisch ist. Geht es allein um einen Rückzug der Israelis aus Ost-Jerusalem? Oder aus ganz Jerusalem bei einem Weiterbestehen des restlichen Staatsgebiets Israels?

Nun gut, vielleicht nicht unbedingt das Spezialgebiet einer Islamwissenschaftlerin, die sich mehr mit solch esoterischen Fragen wie dem Mahdi beschäftigt (auf einem anderen Blatt steht, warum die Süddeutsche einen Text einer solch ahnungslosen Autorin druckt).

Etwas unbeholfen erklärt sie uns

Im zwölferschiitischen Islam ist die Figur des Mahdi, des erwarteten Erlösers, eindeutig an den zwölften Imam gebunden, der im Jahre 874 von Gott in die Verborgenheit entrückt worden sein soll. Seitdem ist er zwar vor den Augen der Menschen verborgen, lebt aber unter ihnen auf der Erde.

Naja. Genauer müsste es heißen, dass nach Auffassung einer schiitischen Gruppe der 11. Imam entgegen anderslautender Stimmen einen Sohn namens Muhammad gehabt habe, der aber vor dem Zugriff des (sunnitischen) Kalifen versteckt wurde. Auch nach dem Tod des 11. Imam tauchte der Sohn nicht auf, sondern hält sich irgendwo auf der Erde verborgen, um irgendwann als weltliches wie geistiges Oberhaupt aller Muslime wieder aufzutauchen (auch die Sunnis keinen einen Mahdi = einen Rechtgeleiteten = einen Erlöser. Bei ihnen spielt er aber nicht so eine zentrale Rolle und er ist nicht „verborgen“), um Gerechtigkeit und Frieden auf Erden herzustellen.

Im Volksglauben haben sich eine Reihe von Legenden und Geschichten um den „Erlöser“ über die Jahrhunderte entwickelt, die christlichen Vorstellungen gar nicht mal so fern sind.

Eine dieser Überlieferungen behauptet, dass sich die Wiederkehr des Mahdi durch eine Reihe von schrecklichen Vorzeichen wie Feuersbrünste, Dürre, Krieg etc ankündigen würde (je größer die Not, desto dringender sein Erscheinen). Keines der führenden theologischen Seminare im Iran vertritt aber so eine „primitive“ Vorstellung, was nichts daran ändert, dass einige „Experten“ behaupten, im Shia-Islam sei die Apokalypse Vorbedingung für die Rückkehr des Mahdi = die Erlösung.

Und dann wird Ahmadinejad ins Spiel gebracht, der tatsächlich gern von der baldigen Rückkehr des Mahdi redet. Die Kette geht so: im schiitischen Islam gibt es die (irrwitzige) Vorstellung eines Mahdi –> Voraussetzung für sein Erscheinen ist die Apokalypse –> Ahmadinejad glaubt an die baldige Rückkehr des Mahdi –> um sein Erscheinen zu beschleunigen, will Ahmadinejad mit eigener Kraft die Apokalypse herbeiführen = Ahmadinejad will den Atomkrieg.

Ahmadinejad mag vielleicht an die baldige Erlösung glauben, möglich ist aber auch, dass er sich schlicht Volksglauben zu Nutzen machen will. Auf jeden Fall hat er nie eine theologische Ausbildung genossen und seine religiösen Exkurse werden vom Establishment in Qom eher belächelt.

So schreibt denn auch Frau Ourghi heute in der Süddeutschen von Lichterscheinungen sowie von Dajjal und Sufyani, den beiden Gegenspielern des Mahdi, kann aber die Kurve zu Ahmadinejad nicht ganz kriegen.

Aus all dem nun eine in näherer Zukunft bevorstehende atomare Bedrohung Israels durch Iran abzuleiten, wäre in der Tat zu voreilig. Denn wie Katajun Amirpur zu Recht am Ende ihres Artikels erwähnt, liegt die letztendliche Entscheidungsgewalt, auch in militärischen Angelegenheiten, beim Revolutionsführer Ali Chamenei. Dieser bemühte sich, Ahmadinedschads Äußerungen zu relativieren. Gerade die Mahdi-Visionen des Präsidenten stießen in weiten Kreisen des Klerus - auch des politisch engagierten - auf harsche Kritik.

Sehr richtig. Und von ausgeprägten selbstmörderischen Absichten ist bei dem Regime in Teheran eigentlich nichts zu spüren. Im Gegenteil. Man müht sich eifrig, sein (politisches) Überleben zu sichern.

Die Frage, ob Ahmadinejad von der physischen Vernichtung Israels redet oder nicht, ist für Frau Ourghi „Haarspalterei“. Von der iranischen Politik gegenüber Israel weiß sie nichts und so recht den Zusammenhang zwischen schiitischen Untergangsphantasien und der Politik von Ahmadinejad bekommt sie auch nicht hin. Gleichwohl schreibt sie einen Text unter der Überschrift

Agitator des letzten Kampfes

Warten wir es ab, was uns denn die Islamwissenschaftlerin noch für „Erkenntnisse“ bescheren wird – und ob uns die Süddeutsche darüber auch informieren wird.

Kein Bild? Kein Ton?

18. March 2008 - 10:28

Mein Server hat ein verzwicktes Problem. Deshalb ist es mir im Moment nicht möglich, Bilder oder Töne aufzuladen.

Ich habe eine kleine Pause eingelegt, weil ich dachte, dies lässt sich schnell lösen. Lässt es sich nicht.

Deshalb vorerst ohne Bild und Ton.  Vielleicht liefere ich sie nach.

Sittenstrenger

17. March 2008 - 19:25

Die iranischen Zensoren finden zunehmend nicht nur Missfallen an politisch aufmüpfigen Publikationen, sondern nun wollen sie auch strenger auf die guten Sitten achten.

Ende Januar wurde das Frauenmagazin Zanan mit der Begründung verboten, es veröffentliche „moralisch fragwürdige Informationen“ und „schädige die moralische Gesundheit“ seiner Leserinnen. Seit gestern dürfen nun auch neun Magazine nicht mehr erscheinen, die sich im wesentlichen mit Lifestyle, ausländischen Filmstars, Lebenshilfe und ein wenig Klatsch & Tratsch beschäftigen.

Auch im Iran haben Brad Pitt und Drew Barrymore Verehrer und schmachtende Fans.

Begründung für die Schließung: „Nutzung von Fotos von Künstlern, besonders von korrupten ausländischen Filmstars, um Erregung zu wecken, Veröffentlichung von Einzelheiten aus ihrem dekadenten Privatleben, Werbung für nicht genehmigte Arzneimittel, Verbreitung von Aberglauben.“

Einige der Zeitschriften veröffentlichen auch Horoskope und Werbung für Potenz stärkende Mittel.

Gleichzeitig wurden 13 weitere Publikationen verwarnt, in Zukunft die Vorschriften des Pressegesetzes einzuhalten.

Gemeinhin lassen repressive Regimes ihren Untertanen zumindest den Ausweg in die private Flucht. Im Iran herrscht da eine totalitärere Sicht.

Parlamentswahlen: Es wurde gewählt

- 13:56

Damit Sie nicht extra eine Zeitung kaufen müssen, hier meine 5 Cents, die ich für Wie- hiessen-sie-noch-gleich? geschrieben habe:

Revolutionsführer Ayatollah Ali Khamene-i war mit dem Wahlausgang zufrieden. Bevor noch alle Stimmen ausgezählt waren, dankte er den Bürgern des Landes. „Erneut hat eure glorreiche und kraftvolle Anwesenheit die Verschwörungen der Feinde zu Fall gebracht und ihre psychologische Kriegsführung für eine geringe Wahlbeteiligung wurde zu einer leeren Seifenblase“, erklärte das geistliche wie politische Oberhaupt des Iran. „Ich danke euch zutiefst. Ihr habt nationale Einheit demonstriert, besonders die jungen Menschen, die laut Statistik in großer Zahl an der Wahl teilgenommen haben.“

Seine Zufriedenheit ist verständlich, denn nach Angaben des Innenministeriums betrug die Wahlbeteiligung rund 60 Prozent. Trotz wachsender Unzufriedenheit mit der wirtschaftlichen Situation des Landes sind damit, sollte die Zahl denn stimmen, mehr Menschen zur Wahlurne gegangen als vier Jahre zuvor – und dies, obwohl das Spektrum der politischen Alternativen äußerst eingeschränkt war. Bei der letzten Parlamentswahl betrug die Beteiligung nur 51 Prozent.

Im Iran ist es beinah wichtiger, dass gewählt und nicht was gewählt wurde. Nachdem Reformpräsident Mohammad Chatami seinen Einfluss durch Zögerlichkeit und Halbherzigkeiten verspielt hatte, sorgt das Regime schon im Vorfeld dafür, dass es mit dem Wahlausgang leben kann. So wurde die Mehrheit der Reformkandidaten bereits im Vorfeld disqualifiziert. 110 Bewerber des Oppositionsbündnisses blieben noch übrig, die schon rein mathematisch auch unter den günstigsten Voraussetzungen keine Mehrheit der 290 zu vergebenen Sitze erringen konnten. Den Rest konnten die Konservativen, oder „Prinzipalisten“, wie sie sich neuerdings nennen, der verschiedensten Schattierungen unter sich aufteilen.

Die endgültige Zusammensetzung des neuen Parlaments wird wahrscheinlich erst in einem Monat bekannt sein, da in zahlreichen Stimmbezirken noch Stichwahlen stattfinden müssen. Nach dem gegenwärtigen Stand der Auszählung lässt sich aber erkennen, dass unter den Konservativen nicht unerwartet die „Vereinigte Prinzipalisten Front“ den größten Block bilden wird, der sich noch am ehesten dem Lager von Präsident Ahmadinejad zurechnen lässt. Der Rest verteilt sich auf Gruppen wie die „Breite Prinzipalisten Koalition“, die sich von der „Front“ abgespalten hatte, sowie eine Reihe von „moderaten“ Konservativen.

Solche Zuordnungen sind allerdings nur mit einiger Vorsicht vorzunehmen. Im Iran muss jeder Wähler die Namen seiner Favoriten per Hand auf den Wahlzettel schreiben, was bei mehreren hundert Bewerbern recht unübersichtlich sein kann. Kandidaten schließen sich deshalb zu Listen mit jeweils einer attraktiven Galionsfigur an der Spitze zusammen, die kleine Zettel mit Namen verteilen, an denen sich die Wähler orientieren können. Programmatische Unterschiede sind nicht immer einfach auszumachen. Der offizielle Wahlkampf dauert nur eine Woche. Öffentliche Auftritte der Bewerber finden nur beschränkt statt, Debatten beispielsweise im Fernsehen so gut wie gar nicht. Amtierende Amtsinhaber dürfen nicht attackiert werden, die „Einheit des Landes“ muss gewahrt werden. Was der jeweilige Bewerber denn konkret für Pläne zur Bekämpfung von Arbeitslosigkeit oder Inflation hat, wird der Wähler nie erfahren. So muss er sich bei seiner Entscheidung daran orientieren, welchen Kandidaten er kennt und wem er vertraut. Die Listen wiederum sollen es weniger bekannten Bewerbern ermöglichen, am Rockschoss der Prominenten ins Parlament einzuziehen. Es sind mehr Freundeskreise oder auch Zweckbündnisse als etablierte Parteien mit traditionellen Programmen.

Zudem muss nicht jeder Parlamentarier, der ähnliche Positionen wie Ahmadinejad vertritt, den Präsidenten auch unterstützen. Mit seiner arroganten Art hatte Ahmadinejad, der im Wahlkampf nicht in Erscheinung getreten ist, schon im letzten Parlament seine Unterstützer schnell verprellt. Einige der von ihm vorgeschlagenen Minister fielen durch, zwei wurden abgewählt, und zu Beginn des Jahres rüffelte sogar der Ahmadinejad zugeneigte Revolutionsführer den Präsidenten, auch für ihn gelte, was das Parlament beschließt.

Zu erwarten ist, dass im neuen Parlament eine Reihe von Politikern vertreten sein werden, die bereit sind, ihm auch offen die Stirn zu bieten. Dazu gehört beispielsweise der ehemalige Chefunterhändler in der Atomkontroverse, Ali Larijani, der auf Bitte der Leiter der religiösen Seminare in Qom angetreten ist und mehr als 70 Prozent der Stimmen erhielt.

Als einzige organisierte Opposition werden auch die Reformer wieder im Parlament vertreten sein, die sich glücklich schätzen, den Versuch, sie völlig von der politischen Landkarte des Irans zu eliminieren, überlebt zu haben. Sie haben sogar noch die Chance, über ihre bisherigen 40 noch ein paar weitere Sitze hinzu zu gewinnen. Im alten Parlament haben sie aber kaum auf sich aufmerksam machen können. Von den staatlichen Medien werden sie so gut wie ignoriert und sie sind untereinander zu uneins, um eine wirkliche Alternative zur Politik Ahmadinejads zu formulieren.

Grundsätzliches hat sich also nicht geändert und dies war nach der Vorauslese der Kandidaten auch nicht zu erwarten. Ahmadinejad hat sich nie besonders um das Parlament geschert und beispielsweise weit mehr Geld ausgegeben, als ihm das Parlament per Haushalt zugestanden hat. So lange er die Rückendeckung des Revolutionsführers hat, der seinen konfrontativen Kurs in der Atompolitik schätzt, kann er sich dies auch erlauben. Bei der Formulierung der Außen- wie der Atompolitik spielt das Parlament allemal nur eine sehr untergeordnete Rolle.

Geändert hat sich allenfalls der Charakter des Parlaments. Es werden weniger Kleriker vertreten sein. Ihre Stelle nehmen Mitglieder Revolutionären Garden ein. Die Generation der Mullahs, die noch eine Rolle in der Revolution 1979 gespielt haben, ist in die Jahre gekommen und die Jungen zeigen nur ein geringes Interesse an politischen Ämtern. Die Revolutionären Garden sind zum neuen Machtzentrum geworden. Untereinander gut vernetzt übernehmen sie mehr und mehr politische Positionen. Obwohl nicht wenige von ihnen inzwischen von „Wächtern der Revolution“ zu wohlsituierten Geschäftsleuten mutiert sind, vertreten sie eher die stramme ideologische Linie und besitzen wenig Toleranz für Abweichler.

Es wäre auch voreilig, in dem Ausgang dieser Wahlen bereits eine Weichenstellung für die Präsidentschaftswahlen im nächsten Jahr zu sehen. Diese finden nach anderen Regeln statt. Für die Wähler sind die Alternativen deutlicher. Iraner haben die Neigung, nicht für einen Kandidaten, sondern gegen die bisherige Politik zu stimmen, um ihrer Unzufriedenheit Ausdruck zu verleihen. Aufgrund der schlechten wirtschaftlichen Lage, der rapide zunehmenden Inflation von offiziell 19, eher aber 30 Prozent sowie der nach wie vor hohen Arbeitslosigkeit, wächst diese Unzufriedenheit. Ahmadinejads Popularität sinkt, aber er ist mit seinem Image des Vertreters der Armen und Entrechteten sowie seinen religiösen Appellen nicht zu unterschätzen. Er ist ein Mann, der auch einem Eskimo einen Kühlschrank verkaufen kann.

Die große Unbekannte in der iranischen Politik ist immer, welche Entscheidung im Zentrum der Macht gefällt wird. Ahmadinejad kam mit Unterstützung des Revolutionsführers ins Amt, weil nach einem Mann gesucht wurde, der nach der Periode der Reformer den Geist der Revolution wiederbeleben konnte und dem Westen selbstbewusst gegenüber auftreten würde. Das Regime verfügt über ausreichende Mittel und Wege, seinen Favoriten dann auch durchzusetzen.

Wie geschickt das Regime seine Möglichkeiten einzusetzen versteht, beweist die hohe Beteiligung an dieser Wahl. Sehr nüchtern wurde eingeschätzt, dass die Bevölkerung es vor allem hoch einschätzt, durch die Abgabe einer Stimme gehört zu werden. Die Appelle an die nationale wie religiöse Pflicht fallen immer noch auf fruchtbaren Boden und mit Hilfe der Moscheen und weitverzweigter Organisationen wie der Basij oder der Revolutionären Garden kann man die Menschen mobilisieren.

Es gelang sogar die zunehmende Lethargie der jungen Generation in den Städten zu kompensieren, die nicht mehr daran glauben mag, dass sich dieses System zum Besseren ändern lässt und sich von der Politik abwendet. Die Verantwortlichen im Zentrum der Macht sind klug genug, diesen Trend zu erkennen, wie der Hinweis des Revolutionsführers auf die „jungen Menschen“ belegt. Sie erkennen auch, dass nicht nur die Kluft zwischen den vielen Armen und den wenigen Reichen immer größer wird und der Mittelstand wirtschaftlich stark unter Druck steht, sondern immer dringlicher die Frage gestellt wird, wieso die Öleinnahmen immer mehr steigen, es ökonomisch aber bergab geht.

Nach den Parlamentswahlen sitzt das Regime weiter fest im Sattel. Ob das so bleibt, wird davon abhängen, ob es auch eine Antwort auf diese Frage findet.