
Es passiert schon mal. Mitten beim Schreiben einer wichtigen Geschichte, möglichst noch kurz vor einer Deadline, ist ein dumpfes „Patsch“ zu hören und mit laut vernehmlichem Knistern wird der Monitor meines Computers schwarz.
Stromausfall.
Es gibt Wochen, da passiert gar nichts, und dann verschwindet der Strom wieder beinah täglich. Meist dauert es nicht allzu lange, eine oder auch zwei Stunden, und mit einem dumpfen Brummen wachen die Elektrogeräte wieder zu ihrem Leben zurück.
Bislang habe ich unterschiedliche Gründe für diese Black Outs vermutet. Bei heftigem Wind beispielsweise schlagen die Stromkabel an den Masten gegeneinander. Kurzschluss. Oder wenn es stark regnet, dann kann Wasser in die Verteilerkästen gelangen. Erneut Kurzschluss.
In meiner Gegend hier in Teheran gibt es noch Gassen, da hängen die Stromkabel in sich überscheidenden Linien quer durcheinander. Wohnungen sind offensichtlich in Eigenhilfe ans Netz angeschlossen worden.
Zudem wir rund um unser Haus herum gebaut. Einfamilienhäuser werden abgebrochen und durch sechs- oder siebengeschossige Bauten ersetzt. Da kann schon mal etwas schief gehen, wenn irgendwo für den Betrieb einer Mischmaschine etwas Strom abgezapft wird, und größere Häuser = mehr Bewohner = höherer Stromverbrauch. Da kann das marode Kabelnetz nicht immer mithalten.
Wenn abends der Stromausfall zuschlägt, kann man sehen, wie groß der Bereich ist, in dem die Lichter ausgegangen sind. Von meinem Arbeitszimmer aus (Westen) reicht er gut 500 Meter Luftlinie bis zum Sadr Highway. Vom Wohnzimmer aus (Osten) ist wegen der dazwischen stehenden Gebäude nicht so richtig auszumachen, wo die Dunkelheit endet und die Lichter beginnen, ich vermute aber, dass Pasdaran, also gut 2 Kilometer Luftlinie, die Trennungslinie ist. Dahinter funkelt ein Teppich weißer und oranger Punkte.
Es ist immer der gleiche Sektor der Finsternis, was die Vermutung nahe legt, das wir alle an der selben Schaltstelle hängen, die regelmäßig unter Ausstoßen einer dunkelgrauen, übel riechenden Wolke ihre Funktion einstellt. Irgendwann (irgendwann?) werden die städtischen Elektrizitätswerke Zeit und Wege finden, dieses Problem aus der Welt zu schaffen.
Obwohl mich jedes Mal der Schreck durchfährt, ob sich mein allemal durch den ewigen Staub arg strapazierter Computer von seinem plötzlichen Kollaps erholen wird, habe ich mich auf das Leben ohne Strom eingerichtet. Erst ein kurzer Blick ins Treppenhaus, ob vielleicht jemand im Fahrstuhl stecken geblieben sein mag (vor zwei Jahren war dort ein junges Mädchen fast zwei Stunden eingesperrt, ohne dass jemand ihren Rufen Beachtung geschenkt hätte) und dann setze ich mich an den Tisch, um zu lesen, wozu ich sonst nicht komme, und auf das vertraute Brummen zu warten.
Es sieht so aus, als ob ich diesen Sommer sehr viel Zeit mit Lesen verbringen kann. Gestern war in einigen iranischen Zeitungen zu lesen, dass wir uns besser auf regelmäßige Stromausfälle einstellen sollen. Grund: zu wenig Wasser. Es hat im Winter und im Frühjahr nicht ausreichend geregnet, um die Staudämme zu füllen und die Turbinen anzutreiben, mit denen Elektrizität produziert wird.
„6.500 Megawatt an Strom aus Wasserkraft müssten wir eigentlich produzieren, aber im Moment sind es nur 1.500 Megawatt“, verkündete Energieminister Parviz Fattah die schlechte Nachricht. Nach der Benzin- droht uns jetzt auch noch die Strom-Rationierung. In einigen Stadtteilen von Teheran soll sogar schon damit begonnen worden sein, indem einfach nachts bis zum frühen Morgen für drei vier Stunden abgeschaltet wird.
Aus den Meldungen geht nicht hervor, ob diese planmäßigen Black Outs nun zu den unregelmäßigen Ausfällen noch hinzu kommen.
Und sollte ich mal wieder eine Deadline nicht einhalten: es hat einfach nicht genug geregnet.