Pippa Bacca

31. May 2008 - 09:52

(c) Pippa Bacca

In der heutigen LAT schreibt Laura King über Pippa Bacca, eine italienische Performance Künstlerin, die am 31. März unweit von Istanbul ermordet wurde.

Bacca war gemeinsam mit ihrer Freundin Silvia Moro unterwegs von Mailand in den Nahen Osten. Die Reise war ein Kunstprojekt. Beide trugen weiße Hochzeitskleider und bewegten sich per Anhalter fort. Die Kleider sollten die Verbindung unterschiedlicher Kulturen und die Notwendigkeit gegenseitigen Vertrauens symbolisieren und nach Ende der Reise mit allem Schmutz und Staub, Flecken und Rissen ausgestellt werden.

In Gezbe, rund 60 Kilometer südwestlich von Istanbul geriet sie in die Hände eines Mannes, der sie in seinem Auto mitnahm, um sich an ihr zu vergehen und sie zu töten. Die Friedensmission nahm ein blutiges Ende.

Es gab viele Diskussionen um diesen Tod, in der Türkei, in Baccas Heimatland Italien und in der Künstlerszene. Niemand hatte natürlich etwas gegen eine Aktion mit solch lauterer Absicht, aber Bacca wurde Naivität vorgeworfen und die Gefahren unterschätzt zu haben. Als Frau solle man nicht, vor allem nicht allein, in der Türkei Autos anhalten – und erst recht nicht in einem weißen Hochzeitskleid, das bestenfalls Unschuld, schlimmstenfalls Hilflosigkeit signalisieren würde.

Ohne Zweifel war die gesamte Aktion naiv. Die Probleme des Nahen Ostens werden sich nicht durch Appelle an Frieden & Freundschaft lösen lassen.

Dennoch: mit ihrem weißen Kleid sah Bacca aus wie ein Engel.

PS: Baccas Freundin Silvia Moro will die Reise nun allein fortsetzen.

Kein Strom

30. May 2008 - 17:37

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Es passiert schon mal. Mitten beim Schreiben einer wichtigen Geschichte, möglichst noch kurz vor einer Deadline, ist ein dumpfes „Patsch“ zu hören und mit laut vernehmlichem Knistern wird der Monitor meines Computers schwarz.

Stromausfall.

Es gibt Wochen, da passiert gar nichts, und dann verschwindet der Strom wieder beinah täglich. Meist dauert es nicht allzu lange, eine oder auch zwei Stunden, und mit einem dumpfen Brummen wachen die Elektrogeräte wieder zu ihrem Leben zurück.

Bislang habe ich unterschiedliche Gründe für diese Black Outs vermutet. Bei heftigem Wind beispielsweise schlagen die Stromkabel an den Masten gegeneinander. Kurzschluss. Oder wenn es stark regnet, dann kann Wasser in die Verteilerkästen gelangen. Erneut Kurzschluss.

In meiner Gegend hier in Teheran gibt es noch Gassen, da hängen die Stromkabel in sich überscheidenden Linien quer durcheinander. Wohnungen sind offensichtlich in Eigenhilfe ans Netz angeschlossen worden.

Zudem wir rund um unser Haus herum gebaut. Einfamilienhäuser werden abgebrochen und durch sechs- oder siebengeschossige Bauten ersetzt. Da kann schon mal etwas schief gehen, wenn irgendwo für den Betrieb einer Mischmaschine etwas Strom abgezapft wird, und größere Häuser = mehr Bewohner = höherer Stromverbrauch. Da kann das marode Kabelnetz nicht immer mithalten.

Wenn abends der Stromausfall zuschlägt, kann man sehen, wie groß der Bereich ist, in dem die Lichter ausgegangen sind. Von meinem Arbeitszimmer aus (Westen) reicht er gut 500 Meter Luftlinie bis zum Sadr Highway. Vom Wohnzimmer aus (Osten) ist wegen der dazwischen stehenden Gebäude nicht so richtig auszumachen, wo die Dunkelheit endet und die Lichter beginnen, ich vermute aber, dass Pasdaran, also gut 2 Kilometer Luftlinie, die Trennungslinie ist. Dahinter funkelt ein Teppich weißer und oranger Punkte.

Es ist immer der gleiche Sektor der Finsternis, was die Vermutung nahe legt, das wir alle an der selben Schaltstelle hängen, die regelmäßig unter Ausstoßen einer dunkelgrauen, übel riechenden Wolke ihre Funktion einstellt. Irgendwann (irgendwann?) werden die städtischen Elektrizitätswerke Zeit und Wege finden, dieses Problem aus der Welt zu schaffen.

Obwohl mich jedes Mal der Schreck durchfährt, ob sich mein allemal durch den ewigen Staub arg strapazierter Computer von seinem plötzlichen Kollaps erholen wird, habe ich mich auf das Leben ohne Strom eingerichtet. Erst ein kurzer Blick ins Treppenhaus, ob vielleicht jemand im Fahrstuhl stecken geblieben sein mag (vor zwei Jahren war dort ein junges Mädchen fast zwei Stunden eingesperrt, ohne dass jemand ihren Rufen Beachtung geschenkt hätte) und dann setze ich mich an den Tisch, um zu lesen, wozu ich sonst nicht komme, und auf das vertraute Brummen zu warten.

Es sieht so aus, als ob ich diesen Sommer sehr viel Zeit mit Lesen verbringen kann. Gestern war in einigen iranischen Zeitungen zu lesen, dass wir uns besser auf regelmäßige Stromausfälle einstellen sollen. Grund: zu wenig Wasser. Es hat im Winter und im Frühjahr nicht ausreichend geregnet, um die Staudämme zu füllen und die Turbinen anzutreiben, mit denen Elektrizität produziert wird.

„6.500 Megawatt an Strom aus Wasserkraft müssten wir eigentlich produzieren, aber im Moment sind es nur 1.500 Megawatt“, verkündete Energieminister Parviz Fattah die schlechte Nachricht. Nach der Benzin- droht uns jetzt auch noch die Strom-Rationierung. In einigen Stadtteilen von Teheran soll sogar schon damit begonnen worden sein, indem einfach nachts bis zum frühen Morgen für drei vier Stunden abgeschaltet wird.

Aus den Meldungen geht nicht hervor, ob diese planmäßigen Black Outs nun zu den unregelmäßigen Ausfällen noch hinzu kommen.

Und sollte ich mal wieder eine Deadline nicht einhalten: es hat einfach nicht genug geregnet.

Kopftuchdebatte, damals

29. May 2008 - 22:15

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Ich glaube, es wäre wohl besser, wenn die Europäer sich in diesem Lande all dessen enthielten, was die Mohammedaner verabscheuen; denn wenn diese von ihrer Nation Niemanden tanzen und trinken sehen als nur die allerschlechtesten Leute, so kann ich mich nicht darüber wundern, wenn sei uns mit diesen vergleichen. Ich habe sie deswegen zu verschiedenen Malen schlecht von den Europäern und besonders von der Freyheit unseres Adels reden hören, gegen welchen sie gewiss mehr Respect gehabt haben würden, wenn sie nichts von ihrem Tanze mit fremden Frauenzimmern und ihren maasslosen Trinkgelagen gehört hätten.

Der (fiktive) Alois Schnittke, Ende des 18. Jahrhunderts in Constantinopel
aus Michael Roes, Leeres Viertel Rub’Al-Khali,  München 1998, S. 26

Chris de Burgh

28. May 2008 - 21:04

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Ellbogen fliegen. Es wird geschubst und gedrängelt.

Pressekonferenz heute in Teheran mit Chris de Burgh, irischer Popsänger, dessen Sternchen im Iran immer noch leuchtet.

Die iranischen Kollegen sind gekommen, um ein wenig vom Glanz dieses Sternchens zu erhaschen. Seine zahnschmelzenden Songs sind seit den 80er Jahren im Lande populär und de Burgh gehört neben den Gypsy Kings und Queen (!?!) zu den wenigen ausländischen Popsängern, deren CDs offiziell vertrieben werden dürfen.

„Ich mag seine Songs, vor allem wegen der Texte“, bekennt Kamran, der neben mir an der Wand gepresst ist, um den fliegenden Ellbogen zu entgehen.

Die anderen Kollegen kamen, um sich mit eigenen Augen zu versichern, dass de Burgh tatsächlich entgegen aller Erwartungen doch noch am Leben ist. Ich zumindest.

Natürlich ist das Auftauchen eines westlichen Musikers in Teheran ein Politikum. Westlicher Pop ist verpönt und steht in dem Verdacht, Moral und Anstand zu untergraben. Im Radio werden weichgespülte Fassungen von allemal schon butterweichen Songs gespielt. James Last hätte hier eine Vollzeitstelle haben können.

Unter solchen Vorzeichen ist Chris de Burgh wenn nicht ein Revoluzzer dann doch ein Rebell. Zumindest die Idee davon.

Falsch. „Ich bin ein Humanist“, sagt der Burgh und während ich noch darüber nachsinne, ob Humanismus im Iran nicht doch von Natur aus rebellisch ist oder sein muss, fügt er hinzu: „Ich bin nicht politisch naiv. Ich glaube nicht alles, was in den Medien zu lesen ist“.

Man sollte nie glauben, was alles in den Medien zu lesen ist, aber obwohl er offen lässt, was er beispielsweise nicht glaubt, zielt der Satz auf Punktegewinn bei den einheimischen Machthabern. „Ich weiß, dass Alkohol und solche Sachen verboten sind, aber das ist für mich kein Problem.“

De Burgh möchte gern im Iran auftreten. „Ein Kindheitstraum“ (erstaunlich, wovon Menschen in ihrer Kindheit alles träumen). Die Pressekonferenz wurde einberufen, um Fakten zu schaffen. Nun ist er schon mal da, warum soll er dann nicht auch singen? Dass sie überhaupt stattfinden kann, ist schon ein Zeichen dafür, dass die Veranstalter sich der Rückendeckung sicher sein können.

„Ich verspreche Ihnen, dass Mr. de Burgh im Iran in Konzerten auftreten wird.“ Signalisiert Mohsen Rajabpour. Er ist der Manager der iranischen Band Arian, Schwarm junger Mädchen (die Band!) und Produzenten von vier Alben, in denen lauwarme Musik und pubertäre Liebeslyrik zu einem faden Gebräu verschmelzen. Immerhin, sie haben die Formel gefunden, mit der man im Iran eine Imitation von Popmusik präsentieren kann: adrett und freundlich, westlich aber nicht unislamisch, Privatleben bleibt privat und konsequent zu allem schweigen, was irgendwie kontrovers sein oder werden könnte. Sie werden wohl mit Chris de Burgh zusammen auftreten, wenn es zu den Konzerten (wahrscheinlich im Oktober oder November) kommen sollte.

Ordnungsruf an mich selbst: man muss die Musik von de Burgh ja nicht mögen. Wichtiger ist, dass das Tabu westlicher Popmusik im Iran gebrochen wird. Der Ire wäre der erste. Wer weiß, wer danach noch kommt?

Einen Titel haben die geplante Konzerte noch nicht. Mein Vorschlag: The Road to Freedom (siehe oben).

Naaa … just kiddin‘.

Anti-Semitismus / Iran / bpb

27. May 2008 - 23:15

Aus irgendwelchen Gründen bin ich auf eine Mailingliste geraten, über die Matthias Küntzel gelegentlich auf seine Veröffentlichungen hinweist. So kam heute eine Mitteilung, in der es u.a. heißt:

Überraschend bat mich die Bundeszentrale für Politische Bildung um einen Text über Ahmadinejads Ideologie. Diesen Beitrag, den später auch der Tagesspiegel in gekürzter Form veröffentlichte, finden Sie hier: http://www.matthiaskuentzel.de/contents/ahmadinejads-mission.

In der Tat ein wenig überraschend.

Küntzel, im Halbtagsjob Lehrer an einer Gewerbeschule in Hamburg, ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Publizist.

Von 1984 bis 1988 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter der Bundestagsfraktion der GRÜNEN. Danach schrieb er für die Zeitschrift Konkret und war gleichzeitig eine Zeit lang Redaktionsmitglied bei Bahamas.

Ursprünglich galt sein Interesse eher der deutschen Atompolitik, aber mehr und mehr interessierte er sich für den Antisemitismus im allgemeinen, dann den Antisemitismus im Islam, schließlich für die Verbindung zwischen der Ideologie der Jihadisten/Islamisten und dem Antisemitismus. Inzwischen gilt seine besondere Aufmerksamkeit dem Iran und hier vor allem dem Präsidenten Ahmadinejad, den er für eine der größten Bedrohungen der Menschheit hält. Er engagiert sich in verschiedenen Organisationen, die für eine Unterstützung Israels und eine Isolierung des Irans eintreten. Der Bundesregierung wirft er beispielsweise vor, zu eng mit Teheran zu kooperieren, und er plädiert für einen kompletten Wirtschaftsboykott des Irans.

Küntzel veröffentlicht Bücher und seine Texte erscheinen gelegentlich in renommierten Zeitschriften und Zeitungen wie dem Wall Street Journal, The New Republic, Jerusalem Post, Standard, Tagesspiegel oder SPIEGEL Online.

Auch der Text, der auf der Webseite der Bundeszentrale für politische Bildung zu lesen ist, wurde schon einmal im Tagesspiegel gedruckt. Es geht um „Ahmadinejads Mission“, Untertitel: „Warum die iranische Nuklearoption verhindert werden muss“. Weiterlesen →