(Wieder-) Gelesen: Songs Of Love And War

24. June 2008 - 16:24

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Es gibt eigentlich recht wenig, was wir über die Paschtunen wissen. Sie leben auf beiden Seiten der Durand Linie, die von Briten auf einer Landkarte gezogen wurde, um die Grenze zwischen Afghanistan und dem damaligen British India zu markieren. Aus ihren Reihen rekrutieren sich die Taliban – ein grober Sammelbegriff für religiöse Fanatiker, Stammeskrieger und Gangsterbanden, die uns in ihrer Motivation wie in ihrem Verhalten befremdlich bis rätselhaft vorkommen.

Noch weniger vertraut sind uns die Lebenswelt, Gedanken und Gefühle paschtunischer Frauen. Sie werden in der streng patriarchalischen Gesellschaft von der Außenwelt abgeschirmt und ein Fremder würde in diesen Zeiten kaum das Risiko auf sich nehmen, in dieser Region zu reisen.

1994 wurde bei Editions Gallimard in Paris ein Büchlein veröffentlicht, das einen kleinen Einblick in die Frauenwelt der Paschtunen ermöglicht. Vor fünf Jahren erschien bei der New Yorker Otherpress eine englische Übersetzung. Das Buch enthält rund 150 landay, kurze Zweizeilern mit 9 Silben in der ersten und 13 Silben in der zweiten Zeile, die von dem afghanischen Schriftsteller Sayd Bahodine Majrouh gesammelt und in einen Kontext gestellt wurden.

Erstaunlich ist, dass diese Gedichte von paschtunischen Frauen „geschrieben“ wurden, die nicht nur in der Regel weder lesen noch schreiben können, sondern denen auch der Zugang zu jeglicher Kultur außerhalb ihres eigenen Lebensbereiches versperrt ist. Diese landay werden gesungen und selten schriftlich fixiert. Frauen tauschen sie untereinander aus, und die populärsten Lieder/Gedichte werden dann mündlich weitergegeben.

Absolut überraschend ist ihre Kraft, die Energie und die Unmittelbarkeit, die Intimität und die unverblümte Sinnlichkeit dieser Poesie, obwohl bei der Übersetzung von Paschtun ins Französische und vom Französischen ins Englische der Rhythmus sicher ein wenig Schaden genommen hat.

Is there not a single mad man in this village?

My pants, the hue of fire, are burning on my thighs.

* * *

First take me into your arms and hold me close,

Only then will you be able to join my velvet thighs.

In der paschtunischen Gesellschaft wird Frauen jedes Recht auf eigenes Begehren, auf Verlangen und Liebe abgesprochen. Schon in frühsten Jahren werden sie in arrangierte Ehen gezwungen, mit denen oftmals Klanbeziehungen gefestigt oder auch Schulden beglichen werden. Jede Beziehung außerhalb dieser Ehen ist Tabu und wird mit dem Tode bestraft.

So gehört einiger Mut dazu, sich so unverblümt zu den eigenen Wünschen und Sehnsüchten zu bekennen.

In den Zwangsehen sind die jungen Frauen nicht selten mit zwei Varianten des selben Schreckens geplagt. Entweder ist der Ehemann ein junger Knabe oder ein alter Greis. Dieser „little horror“ wird auch in den landay thematisiert.

The „little horror“ will not die of his own fever,

I’ve decided that tomorrow I shall bury him alive.

Eingang in die Zweiteiler findet auch der martialische Kult von Männlichkeit, Kampf und Ehre. In seinen Erläuterungen schreibt Majrouh, die Frauen, zur völligen Unterwürfigkeit gezwungen, benutzten diesen Kodex als eine Art Falle für die verhasste Männerwelt, von der sie sich innerlich längst entfernt hat.

In battle today my lover turned his back to the enemy,

I am ashamed of having kissed him.

Majrouh ist der Experte und mir steht es nicht an, ihm zu widersprechen. Aber wenn ich (der ich nicht einmal ein einziges Wort Pashtu spreche) die landay lese, sehe ich darin weniger Provokation und Distanz zu den Werten der Männerwelt, sondern eine Gleichzeitigkeit: Frauen, die unter ihrer Zweitklassigkeit in dieser von Männern diktierten Welt zutiefst leiden, dennoch aber ihren Stolz auch durch die von den Männern propagierten Werte empfinden.

Hurry up, my love, and quickly rise to the assault,

I have put my bets on you with the village girls.

Für Mojrouh mag es unverständlich geblieben sein, dass Frauen, die so brutal um ihr Selbst gebracht werden, dennoch ihre eigene Identität (zumindest teilweise) aus dem Wertesystem ableiten, das ihre Unterdrückung verankert. Er mag versucht haben, den Frauen damit im Interesse ihrer eigenen Würde eine Autonomie zuschreiben zu wollen. In meinen Ohren klingen die landay aber anders, und nach meiner Erfahrung lässt sich auch die gnadenloseste Diktatur nicht auf längere Zeit aufrecht erhalten, wenn Unterdrücker und Unterdrückte nicht ein gewisses Maß an Gemeinsamkeit teilen.

Hurry up, my love, and quickly rise to the assault,

I have put my bets on you with the village girls.

Mit dem Einmarsch der Sowjets sind viele Paschtunen nach Afghanistan geflogen, wo einige bis heute ausharren. Das Leben dort hat sich für die Frauen noch weiter verschlechtert, weil ihr Lebensraum fast ausschließlich auf die engen behelfsmäßigen Unterkünfte reduziert wurde. Sie konnten nicht mehr Zuflucht in den Feldern, die sie zu bestellen hatte, suchen. Die Kontrolle durch die Männer wurde total.

Majrouh hat hier die Mehrzahl der in dem Buch enthaltenen landay sammeln können. Auch in ihnen spiegelt sich eine verwirrende Übereinstimmung mit den Zielen und Wert einer Gesellschaft wieder, die die Frauen zu Wesen herabgestuft hat, die kaum mehr Wertschätzung genießen als die Tiere, die den Lebensunterhalt sichern.

Als übergreifender Eindruck bleibt aber ein Gefühl der Rebellion, ein erstaunliches Maß an Selbstbewusstsein und Stolz, an Lebensgier und Sensualität, das man von diesen verhüllten, weggesperrten und von der Allmacht der Männer abhängigen Frauen nicht erwarten würde.

My lover is the ornament around my neck.

I might go naked, but without my necklace never!

Majrouh, der uns diesen seltenen Zugang zu einer verborgenen Welt ermöglicht hat, wurde im Februar 1988 in Peshawar von Unbekannten ermordet. Er gilt als einer der wichtigsten afghanischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts.

Sein Hauptwerk, das Epos Ego-Monster, ist aber weder auf Deutsch noch auf Englisch zu lesen. Dieses Werk, das noch vor dem Einmarsch der Sowjetunion, dem Bürgerkrieg zwischen den Mujahedin und vor den Taliban geschrieben wurde, nimmt bereits die Schrecken, die Afghanistan durchlebt hat, voraus.

Ego-Monster ist bislang nur in zwei Bänden auf Französisch erschienen. Vielleicht sieht ein Verleger, der weiß, wie wichtig das Verständnis einer Kultur ist, wenn man einem Land beim Wiederaufbau helfen will, hier eine dankbare Aufgabe.

PS: Einige der landay sollen auf Audio-Kassetten in den Flüchtlingslagern in Pakistan kursieren oder kursiert haben. Wenn jemand durch Zufall eine solche Kassette in die Hände bekommt – ich wäre für eine Kopie äußerst dankbar.


Süß

22. June 2008 - 20:26

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Auslage in einer Konditorei in Qom.

Glanz und Glitter

20. June 2008 - 18:23

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Auf der Autobahnraststätte kurz hinter Qom Richtung Teheran.

(Wieder-) Gelesen: Slavin

17. June 2008 - 14:29

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Barbara Slavin ist die senior diplomatic correspondent von USA TODAY – nicht unbedingt die beste, aber die auflagenstärkste Tageszeitung der USA.

Slavin hat in der Vergangenheit uns im Iran lebenden Journalisten die Gesichter oft vor Neid grün werden lassen, denn während wir uns mühselig und dennoch vergeblich um Interviews mit Spitzen des iranischen Machtapperates bemühten, schien sie keinerlei Schwierigkeiten zu haben. Wann immer der Iran etwas Wesentliches mitzuteilen hatte, wurde sie für ein Interview eingeflogen.

Sie ist die einzige ausländische Journalistin, die ich kenne, die mit Rafsanjani, Khatami und Ahmadinejad gleich drei iranische Präsidenten interviewt hat. Ihrem Buch hat das allerdings nicht mehr genutzt, als dass sie ein wenig Farbe aber keine Tiefe einfügen konnte.

Sollten Sie das Buch in die Hand bekommen, rate ich, die ersten neun Kapitel zu überschlagen und gleich beim zehnten zu beginnen. Bis dahin erfährt der Leser eigentlich nicht viel mehr als das, was eine Journalistin, die sich seit Jahren mit dem Iran beschäftigt, so im Laufe der Zeit zusammengetragen hat: kurze Skizze von Präsident Ahmadinejad, das politische Machtgefüge im Iran, die Revolutionären Garden, die „Mullahs“, die Reformer, die Atombombe, die Opposition. Alles recht flott geschrieben, aber nicht substantierter als das, was man auch in Zeitungen und Zeitschriften lesen kann.

Slavin ist in Washington zu Hause und hat dort ihre Kontakte in den Think Tanks und im State Department, die zumindest ein paar Dinge zutage bringen, die bislang noch nicht oder noch nicht so allgemein öffentlich bekannt waren. Anhand dieser amerikanischen Quellen (Condoleezza Rice, Richard Haass, Rick Inderfurth, Richard Armitage, etc.) gelingt ihr ein kurzer Überblick über die Bemühungen sowohl der USA wie aber auch des Iran, sich einander anzunähern, und sie schildert sowohl die verpassten Möglichkeiten wie die merkwürdige Asynchronität, mit der die positiven Signale bei der anderen Seite jeweils zu einer ungelegenen Zeit eintrafen. So erfährt man, warum Khatamis ausgestreckte Hand von den USA nicht  erwiedert wurde, warum Madeleine Albrights Entschuldigung für die amerikanischen Missetaten der Vergangenheit die Beziehungen nicht wiederbeleben konnten und seit wann man in den USA wieder persische Teppiche kaufen kann. Etwas ausführlicher werden die Vorgänge um das great bargain, ein umfassendes Verhandlungsangebot, das der Iran 2003 vorlegte und u.a. eine Zusammenarbeit im Bereich Terrorismus, eine Akzeptanz der 2-Staaten-Lösung für Palästina/Israel und eine Einstellung der Unterstützung der Hamas anbot, dargestellt.

Zum great bargain und zu den gescheiterten US Annäherungsversuchen während der Clinton Ära kann man zwar mehr bei Kenneth M. Pollack (The Persian Puzzle) lesen, aber Pollack ist als Akteur in dieser Sache Partei und Slavins Buch reicht bis Anfang 2007.

Slavin bietet zu dem überaus spannenden Thema der amerikanisch-iranischen Beziehungen allenfalls eine Einführung, aber auch in der vergleichsweise knappen Schilderung ist schon zu erkennen, dass sich dieses Verhältnis mit einem einfachen Schwarz-Weiss-Muster nicht einmal ansatzweise erfassen lässt.

Mehr Tote

14. June 2008 - 07:11

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Im letzten Monat starben in Afghanistan mehr Soldaten der internationalen Schutztruppen (ISAF) als ausländische Soldaten im Irak (AP).

Genauer: nach Angaben des Pentagons wurden 15 US und zwei nicht näher identifizierte Soldaten anderer Nationalität im Irak während Kampfhandlungen im Mai dieses Jahres getötet. In Afghanistan waren es im selben Zeitraum 14 amerikanischen und fünf Soldaten anderer Nationalitäten.

Im Irak sind derzeit etwa drei Mal so viele ausländische Truppen stationiert wie in Afghanistan.

Ein Grund für diese „Verschiebung“ könnte der Rückgang der Gewalt im Irak sein.

Präsentiert wurden diese Zahlen von US Verteidigungsminister Robert Gates bei der Tagung der NATO Verteidigungsminister in Brüssel. Nach seiner Ansicht sind sie ein Beleg dafür, dass mehr getan werden müsse, um den Trend in Afghanistan umzukehren.