46, gefühlte 64

15. July 2008 - 22:08

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Wenn mein Thermometer nicht spinnt, dann waren es heute gegen 14 Uhr in Teheran 46 Grad im Schatten – wobei Sonne oder Schatten bei dieser Hitze eigentlich kaum noch einen Unterschied machen.

Derzeit spinnt einiges. Zum Beispiel der Aufzug in unserem Haus. Durch die häufigen Stromausfälle ist er irgendwo auf der Strecke stecken geblieben. Wahrscheinlich ist der Hausmeister in der Hitze viel zu schlapp, um sich darum zu kümmern, und wenn ich nach Hause zurück kehre, habe ich deshalb keine andere Wahl als die Treppe zum 5. Stockwerk zu nehmen. Die Grundregeln der Physik gelten auch im Iran. Bei Wärme dehnen sich die Dinge aus. In diesen Tagen ist die Treppe zu jedem Stockwerk ungefähr 1,5 Kilometer lang.

Aber die Mühsal wird mit der angenehmen Kühle meiner Wohnung belohnt. In diesen Tagen lassen wir fast rund um die Uhr die Klimaanlage laufen. Das tut eigentlich jeder in der Stadt, der eine solche Anlage besitzt, weswegen sie dann mehrere Stunden am Tag nicht funktioniert. Die Erzeugung kalter Luft benötigt Strom. Elektrizität ist im Iran aber knapp, weil es in diesem Winter nicht ausreichend geregnet hat und die Stauseen nicht ausreichend gefüllt sind. Weil die Klimaanlagen Strom verbrauchen, den der Iran nicht hat, wird er für mindestens zwei Stunden am Tag abgestellt, um das Extra wieder einzusparen. Die Raumtemperatur springt in dieser Zeit nahe an den Punkt, an dem Säugetiere die Besinnung verlieren. In dieser Periode empfiehlt es sich, den Kühlschrank, der mangels Strom auch nicht im Betrieb ist, nicht zu öffnen, will man nicht, dass einem die geschmolzene Butter entgegen läuft.

Temperaturen über 40 Grad sind im Juli und August eigentlich nichts Ungewöhnliches. Z wunderte sich noch vor einer guten Woche darüber, dass es bei 30 Grad eigentlich für die Jahreszeit recht „kalt“ sei. Überraschend ist, wie wenig die Stadt und die Menschen darauf eingestellt sind.

Jeder klagt, es sei unerträglich heiß, und doch ändert sich wenig in der Lebensweise. Die Menschen gehen weiter zur Arbeit, die Männer in den selben Anzügen wie im Frühjahr und im Herbst, zu denen man, Gott sei Dank, aus politischen Gründen keine „westlich-dekadenten“ Krawatten tragen muss. Die Frauen tragen weiter ihre weit fallenden schwarzen Tschadore, die wie Sonnenkollektoren die stechenden Strahlen aufsaugen und in Wärme umwandeln müssen. Während es weiter im Süden in Städten wie Shiraz oder Bandar Abbas während der Mittagszeit eine Art Siesta gibt, wird in Teheran weiter gearbeitet und alle Geschäfte sind geöffnet.

Man sieht nur häufiger Taxifahrer, die sich mit Wasser getränkten Tüchern, die sie sich über das Gesicht legen, ein wenig Erlösung zu verschaffen versuchen. Ältere Menschen stützen sich an eine Mauerwand und atmen hechelnd die allemal stark verschmutzte Luft ein, raffen sich dann auf und kämpfen sich mit schlurfendem Schritt weiter. Alle sind missmutig und gereizt. Es kommt schneller zum Streit, aber niemand hat so recht die Energie, einen solchen Streit dann auch auszufechten. IN den wenigen schleppenden Gesprächen muntern wir uns gegenseitig auf, dass aufgrund der mangelnden Luftfeuchtigkeit in Teheran die Hitze viel leichter zu ertragen ist.

Ich komme mir wie der Augenzeuge einer Art von Großversuch vor. Wie bei den Experimenten in der Biologie wird Stufe um Stufe die Hitze höher geschaltet, um zu schauen, wie sich das Verhalten der Menschen verändert – und wann sie zusammenbrechen.

Ich versuche, die meiste Zeit zu Hause zu verbringen, bewege mich so wenig wie möglich und schaue dem Goldfisch  zu, der seit Nowruz bei uns lebt. Mir scheint, auch er schwimmt langsamer als sonst.

New Yorker

12. July 2008 - 10:51

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Die Auflagen von Zeitungen und Zeitschriften sinken. Wortorientierte Radioprogramme verlieren Hörer, im TV ist angeblich nur noch Unterhaltung gefragt.

Als Hauptursachen gelten das Internet, das die klassischen Medien als Informationsquelle zunehmend verdrängt, sowie sinkendes Interesse  der Mediennutzer an Qualitätsjournalismus und Sperrigem.

So ganz scheint mir dies die Misere aber nicht zu erklären.

In der gestrigen Financial Times war in einem Artikel über David Remnick, der seit 10 Jahren den New Yorker leitet, zu lesen:

Remnick has much to celebrate after 10 years: circulation of The New Yorker has risen by 32 per cent, to more than 1m copies a week; re-subscription rates, at 85 per cent, are the highest in the industry; and despite the conventional wisdom that young readers don’t have the attention span to do more than blog, text and twitter, the magazine has seen its 18-to-24 readership grow by 24 per cent and its 25-to-34 readership rise 52 per cent. Twenty-four of its 47 National Magazine Awards were awarded under Remnick’s tenure. Perhaps most reassuring of all, The New Yorker’s balance sheet has moved from red to black – although its private ownership precludes him from revealing how much profit it makes.

PS: Alle Jahre wieder kündigt ein deutscher Verleger ein neues Magazin an, das sich den New Yorker zum Vorbild nehmen will. Bislang hat sich keiner von denen, wenn es um die Qualität der Texte und die Bereitschaft geht, auf Leser zu setzen, die auf die Welt neugierig sind, an dieses Versprechen gehalten.