Wenn Sie zufällig ein wenig Zeit haben …VIII

29. September 2008 - 08:35

… und nicht allemal schon zu den Besuchern des Morgenland Festivals in Osnabrück gehören (was ich hiermit sehr empfehlen möchte), dann könnte Sie vielleicht dennoch folgende Veranstaltung morgen interessieren.

Es geht hierum und natürlich immer um das Grundsätzliche.

Nachtrag: Die Diskussion wird von 20:05 bis 21:00 vom Deutschlandradio auf der Mittelwelle und der Langwelle übertragen werden. Frequenzen gibt es hier.

Freund oder Feind III

20. September 2008 - 09:29

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Gestern hat Revolutionsführer Ayatollah Ali Khamene-i, der in allen wichtigen Fragen im Iran das letzte und entscheidende Wort hat, in die Debatte, ob die israelische Bevölkerung Freund oder Feind des Irans ist, eingegriffen.

„Die Aussage, dass wir mit dem israelischen Volk wie mit anderen Völkern dieser Welt befreundet sind, ist nicht richtig. Das sind die selben Leute, die Häuser, Gebiete, Farmen und Geschäfte besetzen. Es ist für Mosleme nicht möglich, gegenüber Menschen gleichgültig zu bleiben, die auf diese Weise die Agenten der grundsätzlichen Feinde des Islams sind.“

Ende der Debatte.

Heute meldeten die iranischen Nachrichtenagenturen, dass Vize-Präsident Mashai in einem Brief an den Revolutionsführer Abbitte geleistet hat. „Ich erkläre, dass ich ihrer Auffassung zu den besetzten Gebieten folge und betrachte mich als einen Soldaten, der die Politik unseres Landes umsetzt.“ Er dürfte seinen Job damit gerettet haben.

Freund oder Feind II

18. September 2008 - 22:09

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(Ein Horoskop des Staates Israel – hier zu finden.)

So ganz ist die Kontroverse, ob die israelische Bevölkerung nun Freund oder Feind des Irans ist, noch nicht ausgestanden.

Ahmadinejad wäre nicht Ahmadinejad, wenn er vor den Parlamentariern zurückgesteckt hätte. Die Majlis hatte am 14. August eine Erklärung verabschiedet, in der eine große Mehrheit der Abgeordneten die Entlassung von Vize-Präsident Esfandiar Rahim Mashai forderte. Mashai wiederum, der gleichzeitig für den Tourismus im Lande zuständig ist, hatte im Juli in einem Interview erklärt, „ich habe es schon zuvor gesagt, dass wir keine Feindschaft gegenüber dem israelischen Volk hegen, und sage dies immer noch voller Stolz.“ Dies wiederum hielten die Parlamentarier für einen „unverzeihlichen Fehler“. „Herr Mashai weiß offensichtlich nicht, dass diejenigen, die er Bevölkerung nennt, die selben sind, die die Häuser von Millionen von Palästinensern besetzen. Diese Menschen haben das illegitime zionistische Regime geschaffen“, heißt es in der Erklärung.

Die Angelegenheit riecht gewaltig nach einem Grabenkampf zwischen einer Parlamentsmehrheit, die Ahmadinejad einen Denkzettel verpassen möchte, und ist gleichzeitig eine Kontroverse um die Identität des Irans. Die Feindschaft gegenüber dem „zionistischen Gebilde“ Israel, das Ayatollah Khomeini einen „Kern des Bösen auf islamischem Land“ nannte, gehört zu den ideologischen Säulen des islamischen Republik. Die Frage, ob dies die Bevölkerung Israels mit einschließt, hat aber bislang niemand offen gestellt, und bislang galt mitgefangen, mitgehangen.

Eine Zeit lang verhielt sich Ahmadinejad still, aber auf einer Pressekonferenz heute schlug er zurück. Was sein Vize-Präsident gesagt habe, sei nichts anderes als die Position der iranischen Regierung. „Wir haben keine Probleme mit Völkern oder Nationen“, erläuterte er. „Natürlich erkennen die zionistische Regierung oder den zionistischen Staat nicht an, aber wir lehnen die Idee ab, dass all die Menschen, die dort leben, ins Meer geworfen oder verbrannt werden sollen. Wir treten dafür ein, dass alle Menschen, die dort leben, seien es Juden, Moslems oder Christen, in einer freien Abstimmung ihre Regierung bestimmen sollten“.

In der Tat ist dies die offizielle Regierungslinie spätestens seit der Regierung des Reformpräsidenten Chatami. Der Bebachter wundert sich: dies soll der selbe Mann sein, der den Holocaust, wie er noch einmal auf der selben Pressekonferenz betonte, für einen „Betrug“ hält und dennoch (wider aller Logik) forderte, die Juden aus Israel in die Länder zurück zu bringen, die für den Holocaust verantwortlich seien? Ist dies der selbe Ahmadinejad, der in der berühmte Rede auf dem Kongress „Eine Welt ohne Zionismus“ gedroht haben soll, Israel müsse „von der Landkarte gewischt werden“? Inzwischen ist unumstritten, dass er dies so nicht gesagt hat, sondern Ahmadinejad hat davon geredet, Israel müsse „aus den Seiten der Geschichte verschwinden“. Da dies immer noch bedrohlich genug klingt, hat er sich in den letzten Monaten um einige Klarstellung bemüht. So versicherte er, der Iran habe keinerlei Pläne, Israel zu attackieren. Dies sei auch gar nicht notwendig, denn der jüdische Staat werde von ganz alleine zusammenbrechen. Ahmadinejad in seinen eigenen Worten: „Das zionistische Regime ist ein künstliches Regime. Sie haben Menschen aus aller Welt gebracht und diesen Staat gebaut. Nein, das kann auf Dauer nicht aufrecht erhalten werden.“

Vielleicht sollte bei Gelegenheit jemand mal dem iranischen Präsidenten erklären, dass vor einigen Jahrhunderten „Menschen aus aller Welt“ nach Nordamerika kamen und dort einen Staat gebaut haben. Er heißt USA und macht nicht den Eindruck, als stehe sein unmittelbarer Kollaps bevor.

Zweitfrau

3. September 2008 - 10:55

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Nach islamischem Recht ist jeder moslemische Mann berechtigt, bis zu vier Frauen zu heiraten.

Ich kenne allerdings niemanden hier in Teheran, der eine Ehe mit mehr als einer Frau führt. Manchmal wird von einem konservativen Politiker erzählt, er habe zwei Ehefrauen, aber mit derartigen Gerüchten muss man ein wenig vorsichtig sein. Nicht selten sind sie einfach üble Nachrede aus dem anderen politischen Lager.

Polygamie gilt im Iran eher als hinterwäldlerisch, etwas für ungebildete Machos und naive Weibchen. Wenn ein Mann die Witwe seines verstorbenen Bruders heiratet, um sie sozial zu versorgen, dann hat man dafür Verständnis, aber dies gilt als Ausnahme zur Regel.

Warum auch eine zweite Frau? Eine Zweitgattin will unterhalten und versorgt werden. Das kostet Geld, und wer weiß wie sich die beiden Frauen im Haus miteinander vertragen werden.

Wenn es um Sex geht (und es geht nicht selten um Sex), dann gibt es andere Wege. Im schiitischen Islam ist die Sighe, die Ehe auf Zeit, eine gängige Möglichkeit, Frömmigkeit und Lust vortrefflichst unter einen Hut zu bringen. Fast jeder Mullah ist für einen kleinen Obolus bereit, ein entsprechendes Papier auszustellen. Der Vertrag kann für wenige Stunden, aber auch für einige Jahre geschlossen werden, und hat vor allem für den Mann den Vorteil, dass er seiner Zeit-Frau bei der Trennung nichts weiter zu zahlen hat.

Aber selbst die Sighe ist hinter die Vielzahl der außerehelichen Liebschaften und Verhältnisse  zurückgetreten, die alles andere als unüblich sind. Die Risiken in einer nach wie vor recht traditionellen Gesellschaft und auch das hohe Strafmass (Steinigung), das in Extremfällen drohen kann, lassen es ratsam erscheinen, solche Beziehungen nicht an die große Glocke zu hängen, aber ich kenne mehrere Männer und auch ein paar Frauen, die geheime Affären haben.

Da mutet es ein wenig befremdlich an, dass  sich eine Gruppe von konservativen Parlamentariern dafür stark macht, das Gesetz zur Polygamie zu Gunsten der Männer zu ändern. Bislang muss die Erstfrau zustimmen, wenn der Mann eine Zweifrau heiraten will. Diese Regelung soll nun entfallen.

Anlass, die Frage neu zu debattieren, bot ein „Gesetz zum Schutz der Familie“, das die Justiz ausgearbeitet und im Parlament eingebracht hatte. Der Entwurf sah u.a. den Zugang von Frauen zum Richteramt an einigen Gerichten sowie die Bestrafung von Männern, die minderjährige Mädchen heiraten, vor. Der (erz-)konservative Block der Abgeordneten nahm mit Rückendeckung der Ahmadinejad Regierung die Vorlage zum Anlass, den besseren Schutz der Familie dadurch zu fordern, dass der Polygamie freie Bahn eingeräumt wird.

Die Justiz, die nicht zur Regierung gehört, sondern dem Revolutionsführer direkt untersteht, erhob gegen diesen und noch eine Reihe weiterer „Verbesserungsvorschläge“ Einspruch. Frauengruppen protestierten und zogen vor das Parlament.

Eine Abstimmung über das Gesetz wurde deshalb gestern einstweilen verschoben – wohl weniger wegen der Proteste der Frauen, sondern wegen der Kritik der Justiz.

Nicht klar ist, wie viele Eheversprechen der Befürworter unbeschränkter Polygamie nun ebenfalls einstweilen aufgeschoben sind.

Vom Tisch ist die Angelegenheit noch nicht.