
Nach islamischem Recht ist jeder moslemische Mann berechtigt, bis zu vier Frauen zu heiraten.
Ich kenne allerdings niemanden hier in Teheran, der eine Ehe mit mehr als einer Frau führt. Manchmal wird von einem konservativen Politiker erzählt, er habe zwei Ehefrauen, aber mit derartigen Gerüchten muss man ein wenig vorsichtig sein. Nicht selten sind sie einfach üble Nachrede aus dem anderen politischen Lager.
Polygamie gilt im Iran eher als hinterwäldlerisch, etwas für ungebildete Machos und naive Weibchen. Wenn ein Mann die Witwe seines verstorbenen Bruders heiratet, um sie sozial zu versorgen, dann hat man dafür Verständnis, aber dies gilt als Ausnahme zur Regel.
Warum auch eine zweite Frau? Eine Zweitgattin will unterhalten und versorgt werden. Das kostet Geld, und wer weiß wie sich die beiden Frauen im Haus miteinander vertragen werden.
Wenn es um Sex geht (und es geht nicht selten um Sex), dann gibt es andere Wege. Im schiitischen Islam ist die Sighe, die Ehe auf Zeit, eine gängige Möglichkeit, Frömmigkeit und Lust vortrefflichst unter einen Hut zu bringen. Fast jeder Mullah ist für einen kleinen Obolus bereit, ein entsprechendes Papier auszustellen. Der Vertrag kann für wenige Stunden, aber auch für einige Jahre geschlossen werden, und hat vor allem für den Mann den Vorteil, dass er seiner Zeit-Frau bei der Trennung nichts weiter zu zahlen hat.
Aber selbst die Sighe ist hinter die Vielzahl der außerehelichen Liebschaften und Verhältnisse zurückgetreten, die alles andere als unüblich sind. Die Risiken in einer nach wie vor recht traditionellen Gesellschaft und auch das hohe Strafmass (Steinigung), das in Extremfällen drohen kann, lassen es ratsam erscheinen, solche Beziehungen nicht an die große Glocke zu hängen, aber ich kenne mehrere Männer und auch ein paar Frauen, die geheime Affären haben.
Da mutet es ein wenig befremdlich an, dass sich eine Gruppe von konservativen Parlamentariern dafür stark macht, das Gesetz zur Polygamie zu Gunsten der Männer zu ändern. Bislang muss die Erstfrau zustimmen, wenn der Mann eine Zweifrau heiraten will. Diese Regelung soll nun entfallen.
Anlass, die Frage neu zu debattieren, bot ein „Gesetz zum Schutz der Familie“, das die Justiz ausgearbeitet und im Parlament eingebracht hatte. Der Entwurf sah u.a. den Zugang von Frauen zum Richteramt an einigen Gerichten sowie die Bestrafung von Männern, die minderjährige Mädchen heiraten, vor. Der (erz-)konservative Block der Abgeordneten nahm mit Rückendeckung der Ahmadinejad Regierung die Vorlage zum Anlass, den besseren Schutz der Familie dadurch zu fordern, dass der Polygamie freie Bahn eingeräumt wird.
Die Justiz, die nicht zur Regierung gehört, sondern dem Revolutionsführer direkt untersteht, erhob gegen diesen und noch eine Reihe weiterer „Verbesserungsvorschläge“ Einspruch. Frauengruppen protestierten und zogen vor das Parlament.
Eine Abstimmung über das Gesetz wurde deshalb gestern einstweilen verschoben – wohl weniger wegen der Proteste der Frauen, sondern wegen der Kritik der Justiz.
Nicht klar ist, wie viele Eheversprechen der Befürworter unbeschränkter Polygamie nun ebenfalls einstweilen aufgeschoben sind.
Vom Tisch ist die Angelegenheit noch nicht.