Auslandsjournalismus

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Da setze ich mich hin und schreibe einen kleinen Besinnungsaufsatz über meine Kümmernisse mit dem Auslandsjournalismus vor allem im TV, wenn andere es doch viel besser und vor allem grundsätzlicher bereits formuliert haben.

Das Netzwerk Recherche (einer der beiden Vereine, die bereit waren, mich als Mitglied aufzunehmen) hat gestern ein Dossier zum Thema „Auslandsjournalismus in der Krise“ veröffentlicht, das ich jedermann ans Herz lege, der sich fragt, warum oft so mies ist, was man im Fernsehen über Auslandsthemen sehen, im Radio hören oder in der Zeitung lesen kann.

Mit dem Dossier schickte das Netzwerk gleich noch die Festrede des ehemaligen WDR Intendanten und heutigen Präsidenten der Europäischen Rundfunkunion, Fritz Pleitgen, bei der Verleihung des Otto Brenner Preises für kritischen Journalismus 2008 am vergangenen Mittwoch in Berlin.

Auch dies ein lesenwerter Text. Auszug:

In der Prime Time meiner ARD würde ich auch gerne mehr kraftvolle Reportagen und hintergründige Dokumentationen aus dem Ausland sehen. Bedenklich finde ich, dass das alte Ungleichgewicht in der Berichterstattung nicht wegzukriegen ist. Es wird kein angemessenes, geschweige denn gerechtes Bild vom Geschehen in der Welt liefert. Wie auch? Die Korrespondenten knubbeln sich in Europa und den USA. Afrika, weite Teile Asiens und Lateinamerika werden sträflich vernachlässigt. Was Afghanistan angeht, habe ich den Eindruck, dass ich über unsere Medien nicht erfahre, was in dem Land tatsächlich vor sich geht, außer Militäraktionen gegen Taliban und terroristische Anschläge auf ausländische Truppen. Ich vermute, das wird nicht die ganze Wahrheit sein. Daran werden auch die zahlreichen Reporter nichts ändern, die hochrangige Politiker nach Afghanistan begleiten. Von solchen Touren erwarte ich überhaupt keinen Erkenntnisgewinn, höchstens Vernebelungsgefahr. Um diese Propagandatrips sollten sich Journalisten möglichst nicht reißen. Sie können allerdings zu Kontaktaufnahmen genutzt werden.

Was ist eigentlich mit dem Irak? Darüber wissen wir im Grunde gar nichts. Wir hören von dem Land, das uns so in Atem gehalten hat, höchstens noch, wenn mal wieder ein Anschlag passiert. Die Meldung trägt zur Aufhellung der Verhältnisse wenig bei. Normalisiert sich die Lage oder braut sich neues Unheil zusammen? Eigentlich müsste auch der Kaukasus von sach- und sprachkundigen Journalisten auf absehbare Zeit fest besetzt werden. Mit gelegentlichen Besuchen ist den komplizierten Verhältnissen in der Region nicht beizukommen.

Bei allem Engagement werde ich den Verdacht nicht los, dass es uns nicht gelingt, mehr Kenntnis und mehr Aufklärung über andere Länder in unserer Bevölkerung zu schaffen. Dass Stereotypen abgebaut wurden, lässt sich kaum behaupten. Im Gegenteil, was den Islam angeht, haben sich die Vorurteile unter den Deutschen noch verstärkt, zumindest unter den autochtonen.

Ich wäre fast geneigt, Pleitgen für sein Eintreten für den Auslandsjournalismus um den Hals zu fallen. Aber dann fällt mir gerade noch ein, dass während seiner Zeit als Intendant des WDR, der gewichtigsten Anstalt innerhalb der ARD, die Krise des Auslandsjournalismus eher zu- als abgenommen hat.

Kommentare

Es sind 2 Kommentare vorhanden. Kommentar hinzufügen!

  1. von
    knt
    am
    10. November 2008 um 03:45 Uhr

    “Aber dann fällt mir gerade noch ein, dass während seiner Zeit als Intendant des WDR, der gewichtigsten Anstalt innerhalb der ARD, die Krise des Auslandsjournalismus eher zu- als abgenommen hat.”
    – tja und da ist dann wohl auch die eigendliche ursache zu finden: selbst die die wollen können nicht! nicht mal als verantwortlicher intendant!!

  2. von
    knt
    am
    10. November 2008 um 03:55 Uhr

    ach und vielen dank für den LInk zu NR! die kannte ich noch nicht…

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