Verhältnisse

22. October 2008 - 11:27

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Aus einer kleinen Geschichte der BBC über die heraufziehende Hungersnot in Afghanistan und die Rezepte der amerikanischen Präsidentschaftskandidaten für das Land:

Currently nearly $100m a day is being spent on the war, yet since 2001 just $7m a day has been spent on Afghans themselves, according to the Agency Co-ordinating Body for Afghan Relief, an umbrella organisation representing 100 aid agencies working in Afghanistan.

Auf Deutsch:

Nach Angaben des Agency Co-ordinating Body for Afghan Relief, einer Dachorganisation, die 100 Hilfsorganisationen vertritt, die in Afghanistan arbeiten, werden gegenwärtig täglich fast 100 Millionen US Dollar für den Krieg, aber seit 2001 nur 7 Millionen US Dollar für Afghanistan selbst ausgegeben.

Schwimmen in Kabul

19. October 2008 - 19:22

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Um mich vor dringlicheren Aufgaben zu drücken, habe ich ein paar meiner Afghanistan Bookmarks geordnet. So ist mir aufgefallen, dass Afghanistanica, das bislang unter den Links rechts unten auf dieser Seite aufgeführt war, inzwischen eingestellt wurde. Der Blogger hat sich mit zwei Mit-Schreibern zu einem neuen Blog namens Exploring the Heart of Asia zusammen getan.

Geblieben ist die Mischung aus Alltagsgeschichten, sentimentaler gebrochener Nationalstolz, ein wenig Geschichte und Heimweh.

Das Foto oben stammt von diesem Blog und zeigt Badende in Kabul im Jahr 1967. Es stammt von Bill Podlich, von dem noch mehr historische Fotos aus Afghanistan hier zu finden sind.

Eine Übersicht von Blogs aus und über Afghanistan gibt es hier.

Für Hinweise auf ein paar lesenwerte pakistanische Blogs wäre ich dankbar.

Treffen mit den Taliban

17. October 2008 - 13:41

Nir Rosen in Afghanistan (c) Nir Rosen

Nachdem die Notwendigkeit, mit den Taliban ins Gespräch zu kommen, wieder allseits im Gespräch und sogar von ernsthaften Kontakten die Rede ist, wird es an der Zeit, die Taliban ein wenig näher kennen zu lernen.

Nun, jeder weiß, dass „Taliban“ nur ein sehr allgemeiner Sammelbegriff für unterschiedlichste Gruppierungen ist. Es gibt die religiös motivierten oder die eher nationalistisch orientierten Taliban, es die Taliban aus Afghanistan oder die Taliban aus Pakistan, es gibt die Gruppe um Haqqin und es gibt die immer noch von Mullah Omar geführten Taliban. Es gibt noch andere Gruppen, die verkürzend ebenfalls den „Taliban“ zugerechnet werden: Hekmatyar’s Hezb-e-Islami, regionale Gruppen und auch einfache Kriminelle, die sich des Namens Taliban bedienen.

Es gibt inzwischen einige Literatur zu diesen Gruppen, aber das sind meist recht akademische Abhandlungen. So richtig mal mit ihnen ein Wort gewechselt oder gar mal die Gebiete, die unter Taliban-Kontrolle stehen, besucht hat bislang kaum jemand. Oder hat zumindest nicht darüber geschrieben.

Nir Rosen hat. Rosen besitzt eine Neigung, sich mit Gesellen herum zu treiben, zu denen andere lieber einen möglichst großen Sicherheitsabstand halten. Im Libanon waren es Hisbollah-Kämpfer, im Irak Mitglieder sunnitischer Gruppierungen, die gegen die US Army kämpften. Nun die Taliban in Afghanistan.

In der jüngsten Ausgabe des Rolling Stone (ja, es gibt ihn noch, wenn auch ein wenig geschrumpft) berichtet er von einem Ausflug in Taliban Territorium, genauer in die Provinz Ghazni, die inzwischen weitgehend von den Aufständischen kontrolliert wird.

Das Unternehmen ist nicht ganz so gelaufen, wie er es eigentlich geplant zu haben. Statt embedded mit den Taliban zu Scharmützeln mit ISAF-Truppen oder der Afghanischen Armee loszuziehen, geriet er in die Fänge eines lokalen Kommandanten, der ihn erst nach gründlichem Überlegen, ob ein toter oder ein lebendiger Journalist ihm mehr bringen wird, wieder laufen liess.

Der Artikel ist kein Grundlagenwerk, das in Zukunft von niemandem mehr ignoriert werden kann, der über die Taliban schreibt, aber lesenswert. So registriert Rosen, dass zumindest all die Taliban, auf die er getroffen ist, keine Probleme damit haben, dass Mädchen zur Schule und Frauen zur Arbeit gehen. Einer seiner Begleiter vergnügte sich sogar am Abend mit iranischem Pop-TV aus Los Angeles. Die Taliban hätten begriffen, so Rosen, dass sie sich mit ihrem moralischen Rigorismus nur unbeliebt machen würden und ließen die Zügel locker.

Die Geschichte endet in stark pessimistischen Tönen.

Der Krieg gegen die Taliban ist nach Rosens Meinung so gut wie verloren und auch eine Truppenaufstockung könne das Blatt nicht mehr wenden.

“More troops are not the answer,” a senior United Nations official in Kabul tells me. “You will not make more babies by having many guys screw the same woman.”

Selbst der Versuch, die Bevölkerung mit dem Bau von Brunnen und Brücken für die Regierung in Kabul zu gewinnen, verfange nicht mehr.

The Bush administration believes it can stop the Taliban by throwing money into clinics and schools. But even humanitarian officials scoff at the idea. “If you gave jobs to the Viet Cong, would they stop fighting?” asks one. “Two years ago you could build a road or a bridge in a village and say, ‘Please don’t let the Taliban come in.’ But now you’ve reached the stage where the hearts-and-minds business doesn’t work.”

Der einzige Ausweg: mit den Taliban über eine politische Lösung verhandeln.

Ach so!

15. October 2008 - 11:58

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Die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb), die jüngst mit einem zweifelhaften Beitrag zum Thema „Iran und der Antisemitismus“ auf sich aufmerksam gemacht hat, hat seit heute auf ihrer Webseite auch ein Dossier zu Afghanistan. Manche Dinge benötigen halt ein wenig länger.

Auf dieser Webseite ist folgende Bildunterschrift zu lesen:

Die Anschläge auf die ISAF haben zur Folge, dass Soldaten auf Distanz zur Zivilbevölkerung gehen, um diese nicht zu gefährden.

Der Autor dieser Zeile muss einen ausgeprägten Sinn für schwarzen Humor haben.

Denkt man den Satz zu Ende, dann sollten vielleicht die ISAF-Soldaten völlig aus Afghanistan verschwinden, um die Zivilbevölkerung nicht zu gefährden.

Zudem entspricht es eher der Wirklichkeit, dass die Bundeswehr ihren Soldaten von Anfang ihrer Mission an strenge Zügel angelegt hat, nur unter genau festgelegten und stark abgesicherten Bedingungen Kontakte mit der „Zivilbevölkerung“ zu pflegen, um sich selbst nicht zu gefährden. Ein Großteil der dort eingesetzten Soldaten verlässt während seiner gesamten Einsatzzeit nicht das Lager und wird von Afghanistan nicht mehr sehen als die kurzen Eindrücke auf der Fahrt vom und zum Flughafen.

Der Satz stammt aus dem nebenstehenden Artikel von Babak Khalatbari, dem Leiter des Büros der Konrad Adenauer Stiftung in Kabul. Der Text wurde bereits im letzten Jahr vor der Debatte im Bundestag zur Verlängerung der Mandate für die deutsche Beteiligung an Operation Enduring Freedom, an ISAF sowie die Entsendung der Tornado Aufklärungsflugzeuge geschrieben.

Über Stock und Stein stolpernd argumentiert Khalatbari für eine Verlängerung der Mandate, warnt vor „politischem Flurschaden“ und „Vertrauensverlust bei den Bündnispartnern“ und identifiziert die dringende Notwendigkeit, „das Spannungsverhältnis zwischen Tradition und Modernität anzugehen“. Halbgedachtes wird mit Unausgegorenem zusammengeflickt und als eine Analyse von „Afghanistan unter dem Terror der Taliban“ angeboten.

Erstaunlich, was eine doch ganz reputierliche politische Stiftung sich da für einen Bürovorsteher hält.

Erschreckend der Gedanke, dass solch Ungares in die politische Entscheidungsfindung in Deutschland mit eingehen könnte – oder Dank bpb nun als Hilfestellung für die „politische Bildung“ verbreitet wird.

Das Problem ist Pakistan

24. July 2008 - 10:03

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In den Jahren von 2003 bis 2007 war General John Abizaid der Befehlshaber für das US Central Command for iraq and Afghanistan. Er ist inzwischen aus dem Dienst ausgeschieden und hält, wie pensionierte Top-Generäle dies gern tun, gelegentlich eine kleine Rede. So am vergangenen Montag vor dem Pacific Council. Er sprach über den Irak, den Iran, den allgemeinen Lauf der Welt, den US Wahlkampf  und auch über die Situation in Afghanistan und Pakistan.

Das Weblog Huffingtonpost fasst seine Ausführungen zu Afghanistan heute wie folgt zusammen:

Seeming to question Obama’s idea of shifting brigades to Afghanistan, Abizaid echoed what Afghan president Hamid Karzai told me in January: the problem with Al Qaeda’s resurgence is not in Afghanistan, but in Pakistan.

“We’ve seen Al-Qaida weakened in Iraq but its growing presence in the Pakistani territories along the Afghan border and in the horn of Africa,” according to Abizaid. “In terms of confronting Al Qaeda, the problem we face today is in Pakistan, not Afghanistan. It is not as if there is a roiling insurgency taking place in Afghanistan. Its stability depends on what happens in the Pashtun areas of Pakistan.”

In the longer term, by Abizaid’s analysis, Iraq and Afghanistan are not the key problems. Pakistan and Saudi Arabia are. “Pakistan is a nuclear-armed state that is unstable. In Saudi Arabia, the fight between the ruling famliy and the clerical class has yet to play itself out. The clerical class’ theological frame is essentially Osama bin Laden’s ideology.”