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16. July 2008 - 11:21

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Die NATO, so ist es heute in der NYT zu lesen, wird ab August einen neuen hochrangigen Mitarbeiter haben. Sein Name ist Michael Stopford und er ist kein Militär, sondern ein Fachmann in der Pflege von Unternehmensimages.

Jahre lang hat er dafür gesorgt, dass einer der führenden Marken dieser Welt, Coca Cola, in unbeschädigtem Glanz strahlen konnte. Dann wechselte er erst zur UN und danach zum britischen Außenministerium. Bei der NATO wird er den stolzen Titel eines Deputy Assistant Secretary General for Strategic Communication Services tragen. Stopfords Hauptaufgabe wird darin bestehen, das Image der NATO aufzupolieren.

Nun war NATO schon in der Vergangenheit nicht unbedingt ein Name, der kuscheliges Wohlbefinden auslöste, wenn man nicht in seiner Freizeit leidenschaftlich gern Marschmusik hörte, während man die Schlacht von Stalingrad mit Zinnfiguren nachstellte. Aber während des Kalten Krieges konnte das Bündnis immerhin für sich in Anspruch nehmen, den Warschauer Pakt militärisch in Schach zu halten, weshalb man die NATO ja nicht gleich mögen musste, aber immerhin als ein notwendiges Übel respektieren konnte.

Dann brach die Sowjetunion zusammen und der Feind, gegen den eifrig gerüstet wurde, ging verloren. Die folgende Identitätskrise des Bündnisses ist bis heute nicht überwunden und das Ansehen sinkt.

Die NYT zitiert eine Meinungsumfrage.

NATO does not conduct regular opinion surveys, but an internal document on the alliance’s image cites some telling data from German Marshall Fund surveys. While the number of those who believe NATO remains essential for security increased in the United States by 4 percent from 2002 to 2007, it declined by 19 percent in Germany, 12 percent in Britain, 13 percent in Italy and 8 percent in Poland.

Keine Ahnung, warum ausgerechnet in den USA die Zahl derer, die glauben, die NATO sei für die Sicherheit unverzichtbar, zunimmt, aber das Versagen des Bündnisses in den Kriegen im ehemaligen Jugoslawien sowie die alles andere als überzeugende Vorstellung in Afghanistan erklären den Trend.

Nun soll es Stopford richten.

Coca Cola ist zwar ein Beispiel dafür, dass es gelingen kann Menschen davon zu überzeugen, eine simple Brause sei ein Glückelixier, aber wenn der NATO nicht sehr bald eine Stabilisierung der Situation in Afghanistan gelingt, dann dürfte das Image des Bündnisses auch für einen Profi kaum noch zu reparieren sein.

(Wieder-) Gelesen: Songs Of Love And War

24. June 2008 - 16:24

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Es gibt eigentlich recht wenig, was wir über die Paschtunen wissen. Sie leben auf beiden Seiten der Durand Linie, die von Briten auf einer Landkarte gezogen wurde, um die Grenze zwischen Afghanistan und dem damaligen British India zu markieren. Aus ihren Reihen rekrutieren sich die Taliban – ein grober Sammelbegriff für religiöse Fanatiker, Stammeskrieger und Gangsterbanden, die uns in ihrer Motivation wie in ihrem Verhalten befremdlich bis rätselhaft vorkommen.

Noch weniger vertraut sind uns die Lebenswelt, Gedanken und Gefühle paschtunischer Frauen. Sie werden in der streng patriarchalischen Gesellschaft von der Außenwelt abgeschirmt und ein Fremder würde in diesen Zeiten kaum das Risiko auf sich nehmen, in dieser Region zu reisen.

1994 wurde bei Editions Gallimard in Paris ein Büchlein veröffentlicht, das einen kleinen Einblick in die Frauenwelt der Paschtunen ermöglicht. Vor fünf Jahren erschien bei der New Yorker Otherpress eine englische Übersetzung. Das Buch enthält rund 150 landay, kurze Zweizeilern mit 9 Silben in der ersten und 13 Silben in der zweiten Zeile, die von dem afghanischen Schriftsteller Sayd Bahodine Majrouh gesammelt und in einen Kontext gestellt wurden.

Erstaunlich ist, dass diese Gedichte von paschtunischen Frauen „geschrieben“ wurden, die nicht nur in der Regel weder lesen noch schreiben können, sondern denen auch der Zugang zu jeglicher Kultur außerhalb ihres eigenen Lebensbereiches versperrt ist. Diese landay werden gesungen und selten schriftlich fixiert. Frauen tauschen sie untereinander aus, und die populärsten Lieder/Gedichte werden dann mündlich weitergegeben.

Absolut überraschend ist ihre Kraft, die Energie und die Unmittelbarkeit, die Intimität und die unverblümte Sinnlichkeit dieser Poesie, obwohl bei der Übersetzung von Paschtun ins Französische und vom Französischen ins Englische der Rhythmus sicher ein wenig Schaden genommen hat.

Is there not a single mad man in this village?

My pants, the hue of fire, are burning on my thighs.

* * *

First take me into your arms and hold me close,

Only then will you be able to join my velvet thighs.

In der paschtunischen Gesellschaft wird Frauen jedes Recht auf eigenes Begehren, auf Verlangen und Liebe abgesprochen. Schon in frühsten Jahren werden sie in arrangierte Ehen gezwungen, mit denen oftmals Klanbeziehungen gefestigt oder auch Schulden beglichen werden. Jede Beziehung außerhalb dieser Ehen ist Tabu und wird mit dem Tode bestraft.

So gehört einiger Mut dazu, sich so unverblümt zu den eigenen Wünschen und Sehnsüchten zu bekennen.

In den Zwangsehen sind die jungen Frauen nicht selten mit zwei Varianten des selben Schreckens geplagt. Entweder ist der Ehemann ein junger Knabe oder ein alter Greis. Dieser „little horror“ wird auch in den landay thematisiert.

The „little horror“ will not die of his own fever,

I’ve decided that tomorrow I shall bury him alive.

Eingang in die Zweiteiler findet auch der martialische Kult von Männlichkeit, Kampf und Ehre. In seinen Erläuterungen schreibt Majrouh, die Frauen, zur völligen Unterwürfigkeit gezwungen, benutzten diesen Kodex als eine Art Falle für die verhasste Männerwelt, von der sie sich innerlich längst entfernt hat.

In battle today my lover turned his back to the enemy,

I am ashamed of having kissed him.

Majrouh ist der Experte und mir steht es nicht an, ihm zu widersprechen. Aber wenn ich (der ich nicht einmal ein einziges Wort Pashtu spreche) die landay lese, sehe ich darin weniger Provokation und Distanz zu den Werten der Männerwelt, sondern eine Gleichzeitigkeit: Frauen, die unter ihrer Zweitklassigkeit in dieser von Männern diktierten Welt zutiefst leiden, dennoch aber ihren Stolz auch durch die von den Männern propagierten Werte empfinden.

Hurry up, my love, and quickly rise to the assault,

I have put my bets on you with the village girls.

Für Mojrouh mag es unverständlich geblieben sein, dass Frauen, die so brutal um ihr Selbst gebracht werden, dennoch ihre eigene Identität (zumindest teilweise) aus dem Wertesystem ableiten, das ihre Unterdrückung verankert. Er mag versucht haben, den Frauen damit im Interesse ihrer eigenen Würde eine Autonomie zuschreiben zu wollen. In meinen Ohren klingen die landay aber anders, und nach meiner Erfahrung lässt sich auch die gnadenloseste Diktatur nicht auf längere Zeit aufrecht erhalten, wenn Unterdrücker und Unterdrückte nicht ein gewisses Maß an Gemeinsamkeit teilen.

Hurry up, my love, and quickly rise to the assault,

I have put my bets on you with the village girls.

Mit dem Einmarsch der Sowjets sind viele Paschtunen nach Afghanistan geflogen, wo einige bis heute ausharren. Das Leben dort hat sich für die Frauen noch weiter verschlechtert, weil ihr Lebensraum fast ausschließlich auf die engen behelfsmäßigen Unterkünfte reduziert wurde. Sie konnten nicht mehr Zuflucht in den Feldern, die sie zu bestellen hatte, suchen. Die Kontrolle durch die Männer wurde total.

Majrouh hat hier die Mehrzahl der in dem Buch enthaltenen landay sammeln können. Auch in ihnen spiegelt sich eine verwirrende Übereinstimmung mit den Zielen und Wert einer Gesellschaft wieder, die die Frauen zu Wesen herabgestuft hat, die kaum mehr Wertschätzung genießen als die Tiere, die den Lebensunterhalt sichern.

Als übergreifender Eindruck bleibt aber ein Gefühl der Rebellion, ein erstaunliches Maß an Selbstbewusstsein und Stolz, an Lebensgier und Sensualität, das man von diesen verhüllten, weggesperrten und von der Allmacht der Männer abhängigen Frauen nicht erwarten würde.

My lover is the ornament around my neck.

I might go naked, but without my necklace never!

Majrouh, der uns diesen seltenen Zugang zu einer verborgenen Welt ermöglicht hat, wurde im Februar 1988 in Peshawar von Unbekannten ermordet. Er gilt als einer der wichtigsten afghanischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts.

Sein Hauptwerk, das Epos Ego-Monster, ist aber weder auf Deutsch noch auf Englisch zu lesen. Dieses Werk, das noch vor dem Einmarsch der Sowjetunion, dem Bürgerkrieg zwischen den Mujahedin und vor den Taliban geschrieben wurde, nimmt bereits die Schrecken, die Afghanistan durchlebt hat, voraus.

Ego-Monster ist bislang nur in zwei Bänden auf Französisch erschienen. Vielleicht sieht ein Verleger, der weiß, wie wichtig das Verständnis einer Kultur ist, wenn man einem Land beim Wiederaufbau helfen will, hier eine dankbare Aufgabe.

PS: Einige der landay sollen auf Audio-Kassetten in den Flüchtlingslagern in Pakistan kursieren oder kursiert haben. Wenn jemand durch Zufall eine solche Kassette in die Hände bekommt – ich wäre für eine Kopie äußerst dankbar.


Mehr Tote

14. June 2008 - 07:11

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Im letzten Monat starben in Afghanistan mehr Soldaten der internationalen Schutztruppen (ISAF) als ausländische Soldaten im Irak (AP).

Genauer: nach Angaben des Pentagons wurden 15 US und zwei nicht näher identifizierte Soldaten anderer Nationalität im Irak während Kampfhandlungen im Mai dieses Jahres getötet. In Afghanistan waren es im selben Zeitraum 14 amerikanischen und fünf Soldaten anderer Nationalitäten.

Im Irak sind derzeit etwa drei Mal so viele ausländische Truppen stationiert wie in Afghanistan.

Ein Grund für diese „Verschiebung“ könnte der Rückgang der Gewalt im Irak sein.

Präsentiert wurden diese Zahlen von US Verteidigungsminister Robert Gates bei der Tagung der NATO Verteidigungsminister in Brüssel. Nach seiner Ansicht sind sie ein Beleg dafür, dass mehr getan werden müsse, um den Trend in Afghanistan umzukehren.

Hearts & Minds

28. January 2008 - 13:41

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Auch wenn während des Winters aufgrund des Wetters die militärischen Konfrontationen ein wenig nachlassen – es steht nicht gut mit Afghanistan.

Ein – und bei weitem nicht der einzige - Grund für das Wiedererstarken der Taliban ist die chronische Unterbesetzung der NATO Kräfte im Land. Zu wenig Soldaten für die Größe des Landes.

Alle Appelle an die NATO Mitgliedstaaten, mehr Truppen zu schicken, werden mit verlegenem Schulterzucken quittiert. Italien will nicht oder nur im Nordwesten. Frankreich will nicht und wenn, dann auch nur ohne Feindberührung. Die kanadischen Soldaten sind im umkämpften Süden stationiert, aber der Einsatz ist so umstritten, dass das Parlament das Mandat wahrscheinlich nicht verlängern wird. Die niederländische Regierung hat zwar eine Parlamentsmehrheit für einen verlängerten Einsatz ihrer Truppen zusammen bekommen, ist mit dieser Entscheidung aber in der Bevölkerung sehr unpopulär.

Die Stimmung in Deutschland ist bekannt, wobei es Bundeskanzlerin Angela Merkel vielleicht nicht einmal unrecht ist, dass die Unterstützung für deutsche Soldaten in Afghanistan im eigenen Land dahinschmilzt. Bei ihrer letzten Begegnung mit George W. Busch – so war in den Zeitungen zu lesen – wehrte sie dessen Begehrlichkeiten mit dem Argument ab, sie würde ja gern, könne aber aus innenpolitischen Gründen leider nicht.

Bush ließ die Sache damit erst einmal auf sich beruhen, aber fügen mag er sich nicht.

Heute wurde bekannt, dass sein Verteidigungsminister Robert Gates die NATO dazu drängt, ein statement of goals zu Afghanistan zu verabschieden. Zweck der Übung ist es u.a. (in der Formulierung von AP)

to bolster NATO governments’ efforts to convince their publics that fighting and dying in Afghanistan is an investment worth making.

Stellen wir uns also auf eine deutliche Zunahme von Berichten, Analysen und Kommentaren ein, die die positiven Aspekte des Bundeswehreinsatzes in Afghanistan entdecken. Es würde mich nicht überraschen, in meiner Mail eine Einladung des Bundesverteidigungsministeriums zu einer Tour zu den Schauplätzen guter Taten der Bundeswehr in Afghanistan zu finden (naaa, nicht wirklich).

Der Kampf um die „hearts and minds“ in Europa hat begonnen. Er wird um so dringlicher wie der selbe Kampf um die die Herzen und Köpfe der Afghanen verloren zu gehen droht.

No Go

5. December 2007 - 12:48

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Diese beiden Karten wurden heute von der britischen Times veröffentlicht.

Angefertigt wurden sie für UN Mitarbeiter für den internen Gebrauch und zeigen, in welchen Regionen Afghanistans man sich mit „niedrigem“, „mittleren“, „hohem“ und „extremen“ Risiko aufhält.

Links die Situation 2005, rechts zwei Jahre später.