Auslandsjournalismus

24. October 2008 - 19:04

081024_nr.jpg

Da setze ich mich hin und schreibe einen kleinen Besinnungsaufsatz über meine Kümmernisse mit dem Auslandsjournalismus vor allem im TV, wenn andere es doch viel besser und vor allem grundsätzlicher bereits formuliert haben.

Das Netzwerk Recherche (einer der beiden Vereine, die bereit waren, mich als Mitglied aufzunehmen) hat gestern ein Dossier zum Thema „Auslandsjournalismus in der Krise“ veröffentlicht, das ich jedermann ans Herz lege, der sich fragt, warum oft so mies ist, was man im Fernsehen über Auslandsthemen sehen, im Radio hören oder in der Zeitung lesen kann.

Mit dem Dossier schickte das Netzwerk gleich noch die Festrede des ehemaligen WDR Intendanten und heutigen Präsidenten der Europäischen Rundfunkunion, Fritz Pleitgen, bei der Verleihung des Otto Brenner Preises für kritischen Journalismus 2008 am vergangenen Mittwoch in Berlin.

Auch dies ein lesenwerter Text. Auszug:

In der Prime Time meiner ARD würde ich auch gerne mehr kraftvolle Reportagen und hintergründige Dokumentationen aus dem Ausland sehen. Bedenklich finde ich, dass das alte Ungleichgewicht in der Berichterstattung nicht wegzukriegen ist. Es wird kein angemessenes, geschweige denn gerechtes Bild vom Geschehen in der Welt liefert. Wie auch? Die Korrespondenten knubbeln sich in Europa und den USA. Afrika, weite Teile Asiens und Lateinamerika werden sträflich vernachlässigt. Was Afghanistan angeht, habe ich den Eindruck, dass ich über unsere Medien nicht erfahre, was in dem Land tatsächlich vor sich geht, außer Militäraktionen gegen Taliban und terroristische Anschläge auf ausländische Truppen. Ich vermute, das wird nicht die ganze Wahrheit sein. Daran werden auch die zahlreichen Reporter nichts ändern, die hochrangige Politiker nach Afghanistan begleiten. Von solchen Touren erwarte ich überhaupt keinen Erkenntnisgewinn, höchstens Vernebelungsgefahr. Um diese Propagandatrips sollten sich Journalisten möglichst nicht reißen. Sie können allerdings zu Kontaktaufnahmen genutzt werden.

Was ist eigentlich mit dem Irak? Darüber wissen wir im Grunde gar nichts. Wir hören von dem Land, das uns so in Atem gehalten hat, höchstens noch, wenn mal wieder ein Anschlag passiert. Die Meldung trägt zur Aufhellung der Verhältnisse wenig bei. Normalisiert sich die Lage oder braut sich neues Unheil zusammen? Eigentlich müsste auch der Kaukasus von sach- und sprachkundigen Journalisten auf absehbare Zeit fest besetzt werden. Mit gelegentlichen Besuchen ist den komplizierten Verhältnissen in der Region nicht beizukommen.

Bei allem Engagement werde ich den Verdacht nicht los, dass es uns nicht gelingt, mehr Kenntnis und mehr Aufklärung über andere Länder in unserer Bevölkerung zu schaffen. Dass Stereotypen abgebaut wurden, lässt sich kaum behaupten. Im Gegenteil, was den Islam angeht, haben sich die Vorurteile unter den Deutschen noch verstärkt, zumindest unter den autochtonen.

Ich wäre fast geneigt, Pleitgen für sein Eintreten für den Auslandsjournalismus um den Hals zu fallen. Aber dann fällt mir gerade noch ein, dass während seiner Zeit als Intendant des WDR, der gewichtigsten Anstalt innerhalb der ARD, die Krise des Auslandsjournalismus eher zu- als abgenommen hat.

MRR + TV

18. October 2008 - 10:11

081018_karte.jpg

Wahrscheinlich habe ich da etwas grundsätzlich missverstanden.

Nach dem Auftritt von Marcel Reich-Ranicki beim Deutschen Fernsehpreis und seiner Weigerung, die ihm für „sein Lebenswerk“ zugedachte Auszeichnung entgegen zu nehmen, glaubte ich gelesen zu haben, der Intendant des ZDF habe sich bereit erklärt, mit MRR heute eine halbe Stunde lang über „Qualität im Fernsehen“ oder auch die fehlende Qualität im Fernsehen zu diskutieren.

Statt des Intendanten saß Thomas Gottschalk MRR gegenüber und versuchte umständlich zu erklären, warum es nicht möglich war, dass die für die Programme Verantwortlichen selbst einmal Rede und Antwort stehen. Verstanden habe ich es nicht. Zu schade. Was MRR sagen würde, konnte man sich mehr oder weniger denken. Gespannt war ich mehr auf  die Rechtfertigungen von Markus Schächter und auf den Beweis, dass das Gerücht falsch ist, dass Intendanten das Programm gar nicht kennen, das sie herstellen lassen.

Statt des Intendanten übernahm Gottschalk die Position, das existierende Programm zu verteidigen. Kernaussage: mehr Niveau verprellt die Zuschauer und Fernsehen ist in der heutigen Zeit nun mal an Einschaltquoten orientiert. Die Selbstverachtung, die er dabei erkennen ließ, machte diese Litanei, mit der sich die Fernsehverantwortlichen seit nunmehr 20 Jahren verteidigen nicht überzeugender.

Auf der anderen Seite erwies sich MRR als äußerst schlechter Vertreter seiner eigenen Sache. Schon zum Auftakt gestand er ein, dass er auch keine Lösung wisse, wie das TV besser zu machen sei und hatte nicht viel mehr als den Appell zu bieten, man müsse sich halt mehr Mühe geben. Die Chance, die unerträglichen Stunden, in denen er als donnernder Gott uns mit knarrender Stimme seine persönlichen Geschmacksurteile als endgültiges literarisches Diktum aufzuzwingen versuchte, mit einer intelligenten Attacke gegen magere TV Kost wieder gutzumachen, hat er verspielt. Wahrscheinlich war er dafür auch die falsche Besetzung und Zweifel sind angebracht, ob sich tatsächlich mit Rückgriffen auf Schiller, Shakespeare, Fontane und Brecht besseres Fernsehen machen lässt.

Wahrscheinlich gibt es aber auch kein Rezept, wie sich das Fernsehen besser machen lässt. Ich selbst gucke viel zu wenig, um da auf sicheren Füssen zu stehen. Meine TV-Kost reduziert sich auf Sport bei ARD und ZDF und gelegentlich eine Dokumentation bei ARTE. Für die journalistischen Notwendigkeiten wie Präsidentschaftsdebatten in den USA oder breaking news schalte ich zu BBC, Al Jazeera oder auch CNN.

Früher habe ich es mehr oder weniger verschwiegen, dass ich als jemand, der selbst für das Fernsehen arbeitet, kaum Fernsehen schaue. Klingt irgendwie nicht professionell, wenn man sich in seinem eigenen Metier nicht orientiert. Inzwischen weiß ich, dass es den meisten meiner Kollegen ähnlich geht, und das sagt einiges über das Programm aus.

Nicht zu gucken hat nicht nur etwas mit begrenzter Lebenszeit und zunehmenden Alternativen wie dem Internet zu tun, sondern hat vor allem einen schlichten Grund: TV ist – so weit es meinen Arbeitsbereich betrifft und nur über Information und Dokumentation rede ich hier - nicht relevant. Die Nachrichten der deutschen öffentlich-rechtlichen Sender bieten nichts, was man nicht schon anderswo gelesen oder gehört hätte und dies meist in einer äußerst biederen Variante. Dokumentationen, soweit sie überhaupt noch vorkommen oder nicht ins Nachtprogramm abgeschoben werden, sind ebenfalls von einer unerträglichen Biederkeit, die Aufbereitung des sattsam Bekannten, ohne journalistische Intelligenz und informativen Mehrwert. Die Quandt Doku, die beim Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnet wurde, ist einer der wenigen Lichtblicke in einem Tümpel der Dunkelheit.

Woran liegt es?

Wie die meisten Miseren hat auch diese verschiedene Ursachen. Das reicht von verkrusteten Strukturen über persönlichen Eitelkeiten hin zu schlichter Inkompetenz. Zusammenfassen ließen sie sich vielleicht zwei einfachen Beobachtungen. Der Anspruch auf journalistische Qualität kann sich nicht mehr durchsetzen.

Kaum eine TV Nachrichtenredaktion folgt der Maxime, dass es nicht reicht, zusammen zu fassen, was bereits bekannt ist, sondern dass die Geschichte „ein Stück weiter gedreht“ werden sollte = durch eigene Recherche neue Informationen hinzu kommen sollten.

Es finden unzählige Konferenzen in den Sendern statt, in denen Programm geplant und diskutiert wird. Die typische Diskussionen orientiert sich aber nicht an der Frage, zu welchem Thema relevante Neuigkeiten ausgegraben werden konnten. Oberhand hat statt dessen die Frage, ob ein Thema auch zuschauergerecht präsentiert wurde = die Zuschauer vor dem Bildschirm gefangen gehalten hat = Einschaltquote. Formale Fragen haben Vorrang vor Inhalten, Quote statt Relevanz. Schon bei der Themenwahl ist der Aspekt „wie kann man das den in Bilder umsetzen?“ nicht selten das letzte Kriterium. Das mag auch erklären, warum so viele Naturkatastrophen und immer weniger Steuerdebatten zu sehen sind. Ich weiß aus eigenem Erleben, dass manch eine Geschichte, deren politische Bedeutung unumstritten war, schließlich daran gestorben ist, dass sie sich nicht attraktiv genug bebildern ließ.

Kurz: formale Kriterien haben Vorrang gegenüber inhaltlichen Kriterien.

Der Quotendruck gibt dabei einen wichtigen Schub, ist aber nicht die alleinige Ursache. Es ist eine neue Generation von Entscheidungsträgern in den Sendern herangewachsen, die inhaltliche Relevanz nicht mehr unbedingt für die oberste Priorität eines journalistischen Programms halten.

Inzwischen ist dieser Prozess so weit fortgeschritten, dass inhaltliche Kriterien fast schon keine Rolle mehr zu spielen scheinen. Gesendet wird nicht mehr unbedingt was wichtig ist, sondern das, was gut aussieht.

Ein Blick auf die Länder, für die ich mich interessiere.

Im Irak sind in diesem Sommer Lizenzen an Ölkonzerne vergeben worden, wobei amerikanischen Konzernen eindeutig der Vorrang eingeräumt wurde. Die irakische Regierung und die USA befinden sich in einem zähen Ringen um einen Termin für den Abzug der US Truppen. Beides kommt in ZDF wie ARD so gut wie nicht vor.

Pakistan, ein Land, das anders als der Iran bereits eine Atombombe besitzt, bewegt sich immer mehr auf den Abgrund zu. Die Zahl der Taliban wächst. Sie kontrollieren nicht nur ganze Regionen innerhalb der Stammesgebiete (FATA), die als Rückzugsgebiete für den Kampf in Afghanistan genutzt werden, sondern starten von dort auch zunehmend Operationen gegen die Regierung in Islamabad. Die pakistanische Wirtschaft ist kopfüber in die Krise gestürzt und die neue Regierung hat rasant das Vertrauen der Bevölkerung verloren. Für ZDF und ARD kaum berichtenswert.

In Afghanistan hat sich nicht nur die Sicherheitssituation weiter verschlechtert, sondern eine Diskussion darüber hat begonnen, ob der Krieg dort überhaupt zu gewinnen ist. Erste Begegnungen zwischen Vertretern der Karzai Regierung und Vertretern der Aufständischen haben statt gefunden, um über die Möglichkeit eines politischen Kompromisses zu reden. Gleichzeitig findet ein Wettlauf gegen die Zeit statt, um Hunderttausende Afghanen vor einer Hungersnot im bald beginnenden Winter zu retten. Für ZDF und ARD kaum ein Thema.

Niemand scheint es bei den Öffentlich-Rechtlichen auch mal für die Mühe Wert zu halten, mal einen genaueren  Blick darauf zu werfen, warum es mit dem Wiederaufbau in Afghanistan so schwierig ist. Wie sehen eigentlich genau die zivilen Aufbauprojekte aus, die in deutscher Regie gebaut wurden?

Der Iran sieht sich mit dem fallenden Rohölpreis mit einer Wirtschaftskrise eigener Art konfrontiert und agitiert heftigst in der OPEC für eine Drosselung der Produktion, um den Preisverfall aufzuhalten. In deutschem Interesse ist das sicher nicht.

All diese Themen werden ignoriert. Die gängige Begründung lautet: Zuschauer sind an Auslandsthemen nicht so sehr interessiert. Einschaltquote triumphiert über Relevanz. Ob die These wirklich stimmt, kann nicht seriös überprüft werden, da die Zuschauer ja kaum eine Wahl haben. Wie sollen sie über etwas entscheiden, von dem sie nichts wissen?

Zweite Begründung: so viele Themen, so wenig Platz. Platz ist immerhin heute auf tagesschau.de für eine Geschichte über die Propagandamethoden der Taliban. Es handelt sich dabei um einen stark verwässerten Aufguss einer Studie, die die International Crisis Group bereits vor ein paar Wochen veröffentlich hat.

Warum soll man sich das anschauen, wenn man sich anderswo längst besser informieren konnte?

Ach so!

15. October 2008 - 11:58

081015_buwe.jpg

Die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb), die jüngst mit einem zweifelhaften Beitrag zum Thema „Iran und der Antisemitismus“ auf sich aufmerksam gemacht hat, hat seit heute auf ihrer Webseite auch ein Dossier zu Afghanistan. Manche Dinge benötigen halt ein wenig länger.

Auf dieser Webseite ist folgende Bildunterschrift zu lesen:

Die Anschläge auf die ISAF haben zur Folge, dass Soldaten auf Distanz zur Zivilbevölkerung gehen, um diese nicht zu gefährden.

Der Autor dieser Zeile muss einen ausgeprägten Sinn für schwarzen Humor haben.

Denkt man den Satz zu Ende, dann sollten vielleicht die ISAF-Soldaten völlig aus Afghanistan verschwinden, um die Zivilbevölkerung nicht zu gefährden.

Zudem entspricht es eher der Wirklichkeit, dass die Bundeswehr ihren Soldaten von Anfang ihrer Mission an strenge Zügel angelegt hat, nur unter genau festgelegten und stark abgesicherten Bedingungen Kontakte mit der „Zivilbevölkerung“ zu pflegen, um sich selbst nicht zu gefährden. Ein Großteil der dort eingesetzten Soldaten verlässt während seiner gesamten Einsatzzeit nicht das Lager und wird von Afghanistan nicht mehr sehen als die kurzen Eindrücke auf der Fahrt vom und zum Flughafen.

Der Satz stammt aus dem nebenstehenden Artikel von Babak Khalatbari, dem Leiter des Büros der Konrad Adenauer Stiftung in Kabul. Der Text wurde bereits im letzten Jahr vor der Debatte im Bundestag zur Verlängerung der Mandate für die deutsche Beteiligung an Operation Enduring Freedom, an ISAF sowie die Entsendung der Tornado Aufklärungsflugzeuge geschrieben.

Über Stock und Stein stolpernd argumentiert Khalatbari für eine Verlängerung der Mandate, warnt vor „politischem Flurschaden“ und „Vertrauensverlust bei den Bündnispartnern“ und identifiziert die dringende Notwendigkeit, „das Spannungsverhältnis zwischen Tradition und Modernität anzugehen“. Halbgedachtes wird mit Unausgegorenem zusammengeflickt und als eine Analyse von „Afghanistan unter dem Terror der Taliban“ angeboten.

Erstaunlich, was eine doch ganz reputierliche politische Stiftung sich da für einen Bürovorsteher hält.

Erschreckend der Gedanke, dass solch Ungares in die politische Entscheidungsfindung in Deutschland mit eingehen könnte – oder Dank bpb nun als Hilfestellung für die „politische Bildung“ verbreitet wird.

Jörg Lau

14. October 2008 - 20:32

081014_lau.jpg

Ich habe zwar (siehe rechts unten) die Webseite des ZEIT-Bloggers Jörg Lau in meine Linkliste aufgenommen, aber um ehrlich zu sein, ich habe sein Blog schon lange nicht mehr gelesen. Deshalb fällt mir erst heute auf, dass Lau in das Lager derer übergegangen ist, die ein Kopftuch auf dem Haupt einer westlichen Politikerin für eine „Kapitulation“, pardon (das ist Broder), für eine „Selbstaufgabe des Westens“ halten.

Laus Zorn erregt das oben zu sehende Foto von der Konferenz „Religionen in der modernen Welt“, die gestern in Teheran eröffnet wurde. Es handelt sich dabei um eine Dialogreihe, in der politische Größen dieser Welt in recht langweiligen Reden über die Bedeutung von Religionen und ihr Verhältnis zueinander räsonieren. In Teheran sind diesmal u.a. der ehemalige UN Generalsekretär Kofi Annan, der ehemalige italienische Ministerpräsident Romano Prodi, der ehemalige portugiesische Präsident Jorge Sampaio, der ehemalige norwegische Premier Magne Bondevik und die ehemalige irische Präsidentin Mary Robinson dabei.

Zutreffend erwähnt Lau, bei der Veranstaltung gehe es auch darum, dem „Reformer“ Khatami (die Anführungszeichen sind von Lau, der Ahmadinejads Vorgänger eine „Flasche“ nennt) eine „große Bühne zu geben, damit der 2009 vielleicht gegen Ahmadinedschad antreten kann“.

„Kann man machen“, gibt sich Lau gönnerisch, aber auf keinen Fall machen kann man seiner Ansicht nach, was Frau Robinson gemacht hat.

Aber was bitte veranlasst die ehemalige irische Präsidentin Mary Robinson, sich dabei mit Kopftuch zu präsentieren? Ist sie konvertiert? Dann wäre das natürlich zu akzeptieren. Nein? Dann halte ich das für eine ziemlich abstoßende Anbiederei an den Tugendterror der Ajatollahs. Was ist das für eine Botschaft für die jungen Frauen im Iran, die jedes Jahr zu Hunderten verhaftet werden wegen “bad hijab”? Weil sie sich kleine Freiheiten herausnehmen gegen die Tugendwächter! Und Frau Robinson gibt sich her zur Rechtfertigung dieser Freiheitsberaubung.

So macht sich Europa lächerlich.

„Tugendterror“ und „Freiheitsberaubung“. Da schäumt die Feder.

Lächerlich erscheint mir eher, dass Lau ausgerechnet Mary Robinson, die bis zum Jahr 2002 UN Hochkommissarin für Menschenrechte war (was Rau nicht erwähnt), „Anbiederei an den Tugendterror“ vorwirft. In diesem Amt hat sie es an Kritik an der Menschenrechtspraxis des Irans nicht missen lassen. Im übrigen war zur selben Zeit Khatami Präsident.

Es sagt einiges, dass trotz dieser damals recht heftigen und öffentlich ausgetragenen Differenzen Frau Robinson bereit ist, einer Einladung nach Teheran zu folgen. Vielleicht ist Khatami doch weniger eine „Flasche“ und mehr ein „Reformer“ als Lau glauben mag.

Ja, was sagen die „jungen Frauen im Iran, die jedes Jahr zu Hunderten verhaftet werden wegen ‚bad hijab‘“ zum Tuch auf dem Kopf von Robinson? Nichts. Sie wissen nur zu genau, dass

a. das Tragen von Kopftüchern im Iran für Frauen aller Konfessionen gesetzlich vorgeschrieben ist

b. Khatami auch als Gastgeber der Konferenz keine Möglichkeit hat, dieses Gesetz aufzuheben

c. Khatami den Hardlinern die Vorlage bieten würde, auf die sie nur gewartet haben, wenn er öffentlich mit einem weiblichen Gast auftreten würde, der kein Kopftuch trägt.

Vielleicht weiß Jörg Lau das nicht und wahrscheinlich ist es ihm auch nicht klar, dass die überwiegende Mehrheit der von den politischen Verhältnissen im Land Frustrierten den Dialog auf jeden Fall einem provozierten Einreiseverbot wegen mangelndem Kopftuchs vorzieht.

Wenig vertraut scheint Lau auch mit der Praxis von IRNA, der staatlichen Nachrichtenagentur, zu sein, aus jeder Äußerung eines westlichen Staatsgastes eine Lobhudelei auf den Iran zu stricken – notfalls auch indem man Sätze aus dem Zusammenhang reißt oder sie in ihr Gegenteil verbiegt.

Herr Bondevik wird bei IRNA mit folgender Äusserung zitiert:

“Bondevik also said that his meeting with the Supreme Leader was a source of honor for him. He referred to growing tension between the West and the world of Islam and said, “The West’s humiliating approaches towards Muslims and presenting a distorted image of Islam were influential in emergence of problems gripping the world.” He said that dialogue is the best option for removing misunderstandings.”

Unfasslich! In Gegenwart eines korrupten Islamisten und eines totalitären Herrschers, der sein eigenes Volk unterdrückt und Terror gegen Israel finanziert, stellt sich ein norwegischer Christdemokrat hin un macht Kotau! Der Westen erniedrigt die Muslime! Diese beiden Herren erniedrigen die Muslime.

Ich bin fast geneigt, ein Kopftuch darauf zu wetten, dass Bondevik das nicht gesagt hat, was ihm bei IRNA in den Mund gelegt wird – oder zumindest nicht so.

Eigentlich ist DIE ZEIT doch im Durchschnitt eine ganz manierliche und manchmal auch nachdenkliche Zeitung. Mich geht es ja nichts an, aber irgendwie erscheint mir Jörg Lau da fehl am Platze.

Schwieriger Alltag III

11. October 2008 - 18:10

081011_bond.jpg

SpOn meldet heute die Verhaftung eines 61jährigen iranischen Geschäftsmannes, der nicht nur illegal Teile für das iranische Raketenprogramm nach Teheran liefert, sondern gleichzeitig auch noch für den BND arbeitete.

Aufregung in Geheimdienstkreisen: Eine Top-Quelle des Bundesnachrichtendienstes ist offenbar in illegale Rüstungsgeschäfte mit Iran verwickelt. Nach Informationen des SPIEGEL haben Zollfahnder den 61-Jährigen nun in Frankfurt am Main gefasst.

Nach aller Erfahrung dürfte wohl eher umgekehrt ein Schuh daraus werden: der Mann hat besagte Teile in den Iran geschmuggelt, ist erwischt und vom BND im Austausch für Straffreiheit gedrängt worden, mit dem Geheimdienst zusammen zu arbeiten.

Offensichtlich hatte sich aber niemand in der BND Zentrale darüber Gedanken gemacht, dass auch die Zollfahnder gelegentlich mal ein Korn finden und ihr Mann (Tarnname „Sindbad“) auffliegen könnte.

Sei es, wie es ist.

Hängen geblieben bin ich am Schlusssatz der Meldung.

Der BND fürchtet nun um das Leben seines Informanten, wenn dieser nach Verbüßung einer zu erwartenden Strafe aus der Haft entlassen würde.

Was ist damit gemeint? „Sindbad“ wird nach Verbüßung der Strafe an den Iran ausgeliefert und dort hingerichtet? Iranische Todeskommandos warten vor dem Gefängnistor?

Journalismus ist nicht immer sonderlich vergnüglich, aber Spionage muss bei einem solchen Auftraggeber wirklich ein lausiger Job sein.

Nachtrag 13. Oktober 2008: SpOn hat heute eine längere Geschichte zu “Sindbads Ende”.