Es hat mehr als zwei Jahre nach der Tat gebraucht, bevor dem Feuilleton der Süddeutschen Zeitung vor einer guten Woche auffiel, dass vielleicht falsch sein könnte, was das selbe Blatt im politischen Teil immer wieder mal behauptet.
Kein Satz wird so häufig mit dem amtierenden Präsidenten Irans, Mahmud Ahmadinedschad, assoziiert wie dieser: Israel muss von der Landkarte radiert werden. Das Problem ist nur – er hat diesen Satz nie gesagt. (SZ1)
Diese Entdeckung ist nicht vollständig neu, denn eine sorgfältige Übersetzung des einschlägigen Absatzes aus Ahmadinejads Rede am 26. Oktober 2005 ergibt, dass der iranische Präsident nicht davon gesprochen hat, dass Israel „von der Landkarte ausgelöscht“ oder „ausradiert“ werden müsse, sondern die präzise Formulierung lautet auf Deutsch
Imam Khomeni sagte, dass das Regime, das Jerusalem besetzt hält, aus den Seiten der Geschichte verschwinden muss.
Diese Entdeckung ist nicht neu. Schon kurz nachdem das (falsche) Zitat international für Aufregung sorgte, machten verschiedene Farsi-Kenner auf den Irrtum aufmerksam (Wikipedia hat einen englischen Eintrag, der die Kontroverse ganz gut zusammenfasst). Dass trotzdem immer wieder falsch zitiert wird, hat offensichtliche politische Gründe.
Heute nun meldet sich wieder im Kulturteil der Süddeutschen Mariella Ourghi zu Wort, die uns als „Islamwissenschaftlerin an den Universitäten Jena und Freiburg“ vorgestellt wird, die „über den schiitischen Mahdi-Glauben in der Neuzeit“ forscht.
Zum Mahdi gleich.
Frau Ourghi versucht sich mit Hilfe eines Persisch-Deutschen Wörterbuches an der Interpretation eines der Schlüsselworte aus dem Zitat von Ahmadinejad, um dann zu einer tollkühnen Schlussfolgerung zu kommen:
Es ist also wohl eher Haarspalterei, auf gewisse Übersetzungsungenauigkeiten zu verweisen. An Sinn und Zielsetzung des Satzes ändert es wenig. (SZ2)
Tatsächlich nicht?
Man muss nicht einmal Persisch können, um einen Unterschied zwischen „von der Landkarten tilgen / wischen / löschen / ausradieren“ und „aus den Seiten der Geschichte verschwinden“ zu erkennen.
Die erste Variante könnte als unmittelbare physische Bedrohung des Staates Israel inkl der darin lebenden Menschen verstanden werden, weshalb diese Interpretation ja gern als Beleg für aggressivste iranische Pläne, eine Atombombe nicht nur zu bauen, sondern sie auch gegen Israel einsetzen zu wollen, herangezogen wird.
Variante Zwei zielt eher in die Richtung, dass der Iran das politische System Israels zu Fall bringen will. Die „Zionisten“, wie man es in Teheran nennt, und unterscheidet dabei zwischen Juden („Volk des Buches“, im eigenen Land seit Jahrhunderten tolerierte Minderheit = kein Problem) und „Zionisten“ (Imperialistische Statthalter des anti-islamischen Westens, die heiliges / palästinensisches Land rauben und besetzen = Verbrecher). Nicht selten fällt diese Unterscheidung alles andere als überzeugend aus und es offenbart sich ein solider Unterbau an Anti-Semitismus.
Der Sturz der „Zionisten“, ihr „Verschwinden aus der Geschichte“ ist mit keiner direkten Drohung gegen die Bevölkerung Israels verbunden und kann durchaus politisch erfolgen.
Es ist der Unterschied zwischen einem beabsichtigten Völkermord und der Absicht, ein politisches System zum Einsturz zu bringen. Haarspalterei??
Teheran macht alles andere als ein Geheimdienst daraus, dass es den Staat Israel nicht anerkennt, und sich eine „politische“ Lösung des Palästina-Israel-Konfliktes in einer Volksabstimmung vorstellt, an der auch die Palästinenser teilnehmen sollen, die aus Israel vertrieben wurden. Das Ergebnis einer solchen Abstimmung ist leicht voraus zu sehen.
Frau Ourghi scheint davon, obwohl es erklärte Politik des Irans (nicht erst seit Ahmadinejad) ist und 1000fach verkündet wurde, nichts zu wissen.
Zum anderen bleibt offen, wie denn nach Ahmadinedschads Vorstellung eine israelische Regierung aussehen sollte, die nicht besatzerisch ist. Geht es allein um einen Rückzug der Israelis aus Ost-Jerusalem? Oder aus ganz Jerusalem bei einem Weiterbestehen des restlichen Staatsgebiets Israels?
Nun gut, vielleicht nicht unbedingt das Spezialgebiet einer Islamwissenschaftlerin, die sich mehr mit solch esoterischen Fragen wie dem Mahdi beschäftigt (auf einem anderen Blatt steht, warum die Süddeutsche einen Text einer solch ahnungslosen Autorin druckt).
Etwas unbeholfen erklärt sie uns
Im zwölferschiitischen Islam ist die Figur des Mahdi, des erwarteten Erlösers, eindeutig an den zwölften Imam gebunden, der im Jahre 874 von Gott in die Verborgenheit entrückt worden sein soll. Seitdem ist er zwar vor den Augen der Menschen verborgen, lebt aber unter ihnen auf der Erde.
Naja. Genauer müsste es heißen, dass nach Auffassung einer schiitischen Gruppe der 11. Imam entgegen anderslautender Stimmen einen Sohn namens Muhammad gehabt habe, der aber vor dem Zugriff des (sunnitischen) Kalifen versteckt wurde. Auch nach dem Tod des 11. Imam tauchte der Sohn nicht auf, sondern hält sich irgendwo auf der Erde verborgen, um irgendwann als weltliches wie geistiges Oberhaupt aller Muslime wieder aufzutauchen (auch die Sunnis keinen einen Mahdi = einen Rechtgeleiteten = einen Erlöser. Bei ihnen spielt er aber nicht so eine zentrale Rolle und er ist nicht „verborgen“), um Gerechtigkeit und Frieden auf Erden herzustellen.
Im Volksglauben haben sich eine Reihe von Legenden und Geschichten um den „Erlöser“ über die Jahrhunderte entwickelt, die christlichen Vorstellungen gar nicht mal so fern sind.
Eine dieser Überlieferungen behauptet, dass sich die Wiederkehr des Mahdi durch eine Reihe von schrecklichen Vorzeichen wie Feuersbrünste, Dürre, Krieg etc ankündigen würde (je größer die Not, desto dringender sein Erscheinen). Keines der führenden theologischen Seminare im Iran vertritt aber so eine „primitive“ Vorstellung, was nichts daran ändert, dass einige „Experten“ behaupten, im Shia-Islam sei die Apokalypse Vorbedingung für die Rückkehr des Mahdi = die Erlösung.
Und dann wird Ahmadinejad ins Spiel gebracht, der tatsächlich gern von der baldigen Rückkehr des Mahdi redet. Die Kette geht so: im schiitischen Islam gibt es die (irrwitzige) Vorstellung eines Mahdi –> Voraussetzung für sein Erscheinen ist die Apokalypse –> Ahmadinejad glaubt an die baldige Rückkehr des Mahdi –> um sein Erscheinen zu beschleunigen, will Ahmadinejad mit eigener Kraft die Apokalypse herbeiführen = Ahmadinejad will den Atomkrieg.
Ahmadinejad mag vielleicht an die baldige Erlösung glauben, möglich ist aber auch, dass er sich schlicht Volksglauben zu Nutzen machen will. Auf jeden Fall hat er nie eine theologische Ausbildung genossen und seine religiösen Exkurse werden vom Establishment in Qom eher belächelt.
So schreibt denn auch Frau Ourghi heute in der Süddeutschen von Lichterscheinungen sowie von Dajjal und Sufyani, den beiden Gegenspielern des Mahdi, kann aber die Kurve zu Ahmadinejad nicht ganz kriegen.
Aus all dem nun eine in näherer Zukunft bevorstehende atomare Bedrohung Israels durch Iran abzuleiten, wäre in der Tat zu voreilig. Denn wie Katajun Amirpur zu Recht am Ende ihres Artikels erwähnt, liegt die letztendliche Entscheidungsgewalt, auch in militärischen Angelegenheiten, beim Revolutionsführer Ali Chamenei. Dieser bemühte sich, Ahmadinedschads Äußerungen zu relativieren. Gerade die Mahdi-Visionen des Präsidenten stießen in weiten Kreisen des Klerus - auch des politisch engagierten - auf harsche Kritik.
Sehr richtig. Und von ausgeprägten selbstmörderischen Absichten ist bei dem Regime in Teheran eigentlich nichts zu spüren. Im Gegenteil. Man müht sich eifrig, sein (politisches) Überleben zu sichern.
Die Frage, ob Ahmadinejad von der physischen Vernichtung Israels redet oder nicht, ist für Frau Ourghi „Haarspalterei“. Von der iranischen Politik gegenüber Israel weiß sie nichts und so recht den Zusammenhang zwischen schiitischen Untergangsphantasien und der Politik von Ahmadinejad bekommt sie auch nicht hin. Gleichwohl schreibt sie einen Text unter der Überschrift
Agitator des letzten Kampfes
Warten wir es ab, was uns denn die Islamwissenschaftlerin noch für „Erkenntnisse“ bescheren wird – und ob uns die Süddeutsche darüber auch informieren wird.