Kopftuchdebatte, damals

29. May 2008 - 22:15

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Ich glaube, es wäre wohl besser, wenn die Europäer sich in diesem Lande all dessen enthielten, was die Mohammedaner verabscheuen; denn wenn diese von ihrer Nation Niemanden tanzen und trinken sehen als nur die allerschlechtesten Leute, so kann ich mich nicht darüber wundern, wenn sei uns mit diesen vergleichen. Ich habe sie deswegen zu verschiedenen Malen schlecht von den Europäern und besonders von der Freyheit unseres Adels reden hören, gegen welchen sie gewiss mehr Respect gehabt haben würden, wenn sie nichts von ihrem Tanze mit fremden Frauenzimmern und ihren maasslosen Trinkgelagen gehört hätten.

Der (fiktive) Alois Schnittke, Ende des 18. Jahrhunderts in Constantinopel
aus Michael Roes, Leeres Viertel Rub’Al-Khali,  München 1998, S. 26

Haarspaltereien

26. March 2008 - 22:36

Es hat mehr als zwei Jahre nach der Tat gebraucht, bevor dem Feuilleton der Süddeutschen Zeitung vor einer guten Woche auffiel, dass vielleicht falsch sein könnte, was das selbe Blatt im politischen Teil immer wieder mal behauptet.

Kein Satz wird so häufig mit dem amtierenden Präsidenten Irans, Mahmud Ahmadinedschad, assoziiert wie dieser: Israel muss von der Landkarte radiert werden. Das Problem ist nur – er hat diesen Satz nie gesagt. (SZ1)

Diese Entdeckung ist nicht vollständig neu, denn eine sorgfältige Übersetzung des einschlägigen Absatzes aus Ahmadinejads Rede am 26. Oktober 2005 ergibt, dass der iranische Präsident nicht davon gesprochen hat, dass Israel „von der Landkarte ausgelöscht“ oder „ausradiert“ werden müsse, sondern die präzise Formulierung lautet auf Deutsch

Imam Khomeni sagte, dass das Regime, das Jerusalem besetzt hält, aus den Seiten der Geschichte verschwinden muss.

Diese Entdeckung ist nicht neu. Schon kurz nachdem das (falsche) Zitat international für Aufregung sorgte, machten verschiedene Farsi-Kenner auf den Irrtum aufmerksam (Wikipedia hat einen englischen Eintrag, der die Kontroverse ganz gut zusammenfasst). Dass trotzdem immer wieder falsch zitiert wird, hat offensichtliche politische Gründe.

Heute nun meldet sich wieder im Kulturteil der Süddeutschen Mariella Ourghi zu Wort, die uns als „Islamwissenschaftlerin an den Universitäten Jena und Freiburg“ vorgestellt wird, die „über den schiitischen Mahdi-Glauben in der Neuzeit“ forscht.

Zum Mahdi gleich.

Frau Ourghi versucht sich mit Hilfe eines Persisch-Deutschen Wörterbuches an der Interpretation eines der Schlüsselworte aus dem Zitat von Ahmadinejad, um dann zu einer tollkühnen Schlussfolgerung zu kommen:

Es ist also wohl eher Haarspalterei, auf gewisse Übersetzungsungenauigkeiten zu verweisen. An Sinn und Zielsetzung des Satzes ändert es wenig. (SZ2)

Tatsächlich nicht?

Man muss nicht einmal Persisch können, um einen Unterschied zwischen „von der Landkarten tilgen / wischen / löschen / ausradieren“ und „aus den Seiten der Geschichte verschwinden“ zu erkennen.

Die erste Variante könnte als unmittelbare physische Bedrohung des Staates Israel inkl der darin lebenden Menschen verstanden werden, weshalb diese Interpretation ja gern als Beleg für aggressivste iranische Pläne, eine Atombombe nicht nur zu bauen, sondern sie auch gegen Israel einsetzen zu wollen, herangezogen wird.

Variante Zwei zielt eher in die Richtung, dass der Iran das politische System Israels zu Fall bringen will. Die „Zionisten“, wie man es in Teheran nennt, und unterscheidet dabei zwischen Juden („Volk des Buches“, im eigenen Land seit Jahrhunderten tolerierte Minderheit = kein Problem) und „Zionisten“ (Imperialistische Statthalter des anti-islamischen Westens, die heiliges / palästinensisches Land rauben und besetzen = Verbrecher). Nicht selten fällt diese Unterscheidung alles andere als überzeugend aus und es offenbart sich ein solider Unterbau an Anti-Semitismus.

Der Sturz der „Zionisten“, ihr „Verschwinden aus der Geschichte“ ist mit keiner direkten Drohung gegen die Bevölkerung Israels verbunden und kann durchaus politisch erfolgen.

Es ist der Unterschied zwischen einem beabsichtigten Völkermord und der Absicht, ein politisches System zum Einsturz zu bringen. Haarspalterei??

Teheran macht alles andere als ein Geheimdienst daraus, dass es den Staat Israel nicht anerkennt, und sich eine „politische“ Lösung des Palästina-Israel-Konfliktes in einer Volksabstimmung vorstellt, an der auch die Palästinenser teilnehmen sollen, die aus Israel vertrieben wurden. Das Ergebnis einer solchen Abstimmung ist leicht voraus zu sehen.

Frau Ourghi scheint davon, obwohl es erklärte Politik des Irans (nicht erst seit Ahmadinejad) ist und 1000fach verkündet wurde, nichts zu wissen.

Zum anderen bleibt offen, wie denn nach Ahmadinedschads Vorstellung eine israelische Regierung aussehen sollte, die nicht besatzerisch ist. Geht es allein um einen Rückzug der Israelis aus Ost-Jerusalem? Oder aus ganz Jerusalem bei einem Weiterbestehen des restlichen Staatsgebiets Israels?

Nun gut, vielleicht nicht unbedingt das Spezialgebiet einer Islamwissenschaftlerin, die sich mehr mit solch esoterischen Fragen wie dem Mahdi beschäftigt (auf einem anderen Blatt steht, warum die Süddeutsche einen Text einer solch ahnungslosen Autorin druckt).

Etwas unbeholfen erklärt sie uns

Im zwölferschiitischen Islam ist die Figur des Mahdi, des erwarteten Erlösers, eindeutig an den zwölften Imam gebunden, der im Jahre 874 von Gott in die Verborgenheit entrückt worden sein soll. Seitdem ist er zwar vor den Augen der Menschen verborgen, lebt aber unter ihnen auf der Erde.

Naja. Genauer müsste es heißen, dass nach Auffassung einer schiitischen Gruppe der 11. Imam entgegen anderslautender Stimmen einen Sohn namens Muhammad gehabt habe, der aber vor dem Zugriff des (sunnitischen) Kalifen versteckt wurde. Auch nach dem Tod des 11. Imam tauchte der Sohn nicht auf, sondern hält sich irgendwo auf der Erde verborgen, um irgendwann als weltliches wie geistiges Oberhaupt aller Muslime wieder aufzutauchen (auch die Sunnis keinen einen Mahdi = einen Rechtgeleiteten = einen Erlöser. Bei ihnen spielt er aber nicht so eine zentrale Rolle und er ist nicht „verborgen“), um Gerechtigkeit und Frieden auf Erden herzustellen.

Im Volksglauben haben sich eine Reihe von Legenden und Geschichten um den „Erlöser“ über die Jahrhunderte entwickelt, die christlichen Vorstellungen gar nicht mal so fern sind.

Eine dieser Überlieferungen behauptet, dass sich die Wiederkehr des Mahdi durch eine Reihe von schrecklichen Vorzeichen wie Feuersbrünste, Dürre, Krieg etc ankündigen würde (je größer die Not, desto dringender sein Erscheinen). Keines der führenden theologischen Seminare im Iran vertritt aber so eine „primitive“ Vorstellung, was nichts daran ändert, dass einige „Experten“ behaupten, im Shia-Islam sei die Apokalypse Vorbedingung für die Rückkehr des Mahdi = die Erlösung.

Und dann wird Ahmadinejad ins Spiel gebracht, der tatsächlich gern von der baldigen Rückkehr des Mahdi redet. Die Kette geht so: im schiitischen Islam gibt es die (irrwitzige) Vorstellung eines Mahdi –> Voraussetzung für sein Erscheinen ist die Apokalypse –> Ahmadinejad glaubt an die baldige Rückkehr des Mahdi –> um sein Erscheinen zu beschleunigen, will Ahmadinejad mit eigener Kraft die Apokalypse herbeiführen = Ahmadinejad will den Atomkrieg.

Ahmadinejad mag vielleicht an die baldige Erlösung glauben, möglich ist aber auch, dass er sich schlicht Volksglauben zu Nutzen machen will. Auf jeden Fall hat er nie eine theologische Ausbildung genossen und seine religiösen Exkurse werden vom Establishment in Qom eher belächelt.

So schreibt denn auch Frau Ourghi heute in der Süddeutschen von Lichterscheinungen sowie von Dajjal und Sufyani, den beiden Gegenspielern des Mahdi, kann aber die Kurve zu Ahmadinejad nicht ganz kriegen.

Aus all dem nun eine in näherer Zukunft bevorstehende atomare Bedrohung Israels durch Iran abzuleiten, wäre in der Tat zu voreilig. Denn wie Katajun Amirpur zu Recht am Ende ihres Artikels erwähnt, liegt die letztendliche Entscheidungsgewalt, auch in militärischen Angelegenheiten, beim Revolutionsführer Ali Chamenei. Dieser bemühte sich, Ahmadinedschads Äußerungen zu relativieren. Gerade die Mahdi-Visionen des Präsidenten stießen in weiten Kreisen des Klerus - auch des politisch engagierten - auf harsche Kritik.

Sehr richtig. Und von ausgeprägten selbstmörderischen Absichten ist bei dem Regime in Teheran eigentlich nichts zu spüren. Im Gegenteil. Man müht sich eifrig, sein (politisches) Überleben zu sichern.

Die Frage, ob Ahmadinejad von der physischen Vernichtung Israels redet oder nicht, ist für Frau Ourghi „Haarspalterei“. Von der iranischen Politik gegenüber Israel weiß sie nichts und so recht den Zusammenhang zwischen schiitischen Untergangsphantasien und der Politik von Ahmadinejad bekommt sie auch nicht hin. Gleichwohl schreibt sie einen Text unter der Überschrift

Agitator des letzten Kampfes

Warten wir es ab, was uns denn die Islamwissenschaftlerin noch für „Erkenntnisse“ bescheren wird – und ob uns die Süddeutsche darüber auch informieren wird.

Ex-Muslime

22. March 2007 - 22:47

Tagesschau.de berichtet heute über die „Breite Empörung über [die] Frankfurter Richterin“, die einen Antrag einer Deutschen marokkanischer Herkunft, vor Ablauf des Trennungsjahres bereits von ihrem prügelnden Mann geschieden werden zu können, mit Hinweis auf den Koran abgelehnt hat. Es sei der Antragstellerin zuzumuten, das Trennungsjahr abzuwarten, schließlich sehe der Islam (beide Ehepartner sind Muslime) ein Züchtigungsrecht des Mannes vor.

Dieser Urteilsspruch ist ebenso verwirrend wie blödsinnig. Wie das Züchtigungsrecht ins Spiel kommt, obwohl der Mann schon seit Juni letzten Jahres aufgrund einer richterlichen Anordnung die Wohnung der Ehefrau nicht mehr betreten darf, ist mir rätselhaft. Blödsinnig ist es aber auf jeden Fall, weil der Koran in der deutschen Rechtssprechung nichts zu suchen hat.

Der Fall hat für helle Empörung gesorgt, wobei bei all der Aufregung ein wenig unter die Räder geraten ist, was eigentlich genau passiert ist (siehe Kommentar von Heribert Prantl heute in der SZ).

Die Webseite der Tagesschau versucht diese Empörung nun heute zu dokumentieren und zitiert an erster Stelle (nach der alten journalistischen Regel „Das Wichtigste zuerst“) die Vorsitzende des „Zentralrats der Ex-Muslime“, Mina Ahadi.

“Diese Praxis der Islamisierung der Gesellschaft ist gefährlich und auch rassistisch”, sagte sie der “Berliner Zeitung”. Auch wenn jemand aus einer anderen Kultur komme, müsse er universale Menschenrechte genießen. “Dieser Kulturrelativismus ist empörend”, sagte Ahadi. Es sei in Deutschland aber leider schon öfter vorgekommen, dass auch Ehrenmorde milder als andere Morde bestraft worden seien.

Danach folgt die Frauenrechtlerin Seyran Ates, die der Richterin „Menschenverachtung“ vorwirft, und erst an dritter Stelle wird dann eine namentlich nicht genannte Sprecherin des „Zentralrates der Muslime“ (nicht ex!) in indirekter Rede mit der Äußerung zitiert …

„ … die Richterin hätte auf Grundlage des Grundgesetzes und nicht gemäß dem Koran entscheiden müssen.“

Tagesschau.de hält die Erklärung der Organisation der Ex-Muslime also offensichtlich für relevanter als die Stellungnahme der Immer-noch-Muslime. Ich sehe das anders herum, denn schließlich macht der Zentralrat der Immer-noch-Muslime deutlich, dass auch er dem Grundgesetz einen höheren Rang einräumt als dem Koran. Er hätte das Urteil ja auch mit der Begründung begrüßen können, es sei erfreulich, dass ein Gericht auf den unterschiedlichen kulturellen Hintergrund Rücksicht genommen hat. Nun gut, sei es drum.

Tagesschau.de legt aber noch mal nach und führt ein eigenes Interview mit der stellvertretenden Vorsitzenden des „Zentralrates der Ex-Muslime“, Arzu Toker:

“Zentralrat der Ex-Muslime” kritisiert Integrationspolitik

Das nenne ich einen steilen Aufstieg für einen Verein, der sich erst vor einem knappen Monat der Öffentlichkeit vorgestellt hat und laut eigener Webseite außer ein paar Presseerklärungen noch nicht allzu viel vorzuweisen hat.

Wenn ich das Interview mit Frau Toker lese, frage ich mich, was dieser Organisation zu solch einer Prominenz verholfen hat. Eine halbwegs sachliche Argumentation kann es nicht sein.

„Es [Das Urteil] ist eigentlich völlig normal für die hiesige deutsche Politik, weil es zurzeit eine Irritation gibt: Man möchte den Islam unbedingt salonfähig machen.“

… lautet Frau Tokers Einschätzung des Urteils.

Ah ja? Seit meinem letzten Aufenthalt in Deutschland muss sich eine Menge geändert haben. Diskrimination, Terroristenverdacht, Ausgrenzung und kulturelles Unverständnis müssen in kürzester Zeit breitem Wohlwollen gewichen sein.

„Der Islam ist zugleich die Gesetzgebung für seine Gläubigen.“

Zeichnet es nicht alle Religionen aus, dass sie für ihre Anhänger Regelwerke aufstellen? Zudem ist nach meinem Verständnis der Terminus „Gesetz“ den staatlichen Regelwerken vorenthalten (”Die zehn Gesetze”??).

„Von daher hat der Mann aus islamischer Sicht Recht: Er kann seine Frau züchtigen. Dafür braucht er nicht einmal einen Anlass.“

Mal abgesehen davon, ob dies überall in der islamischen Welt so gesehen wird (wird es mit Sicherheit nicht): darum ging es in der Entscheidung in Frankfurt gar nicht (s.o.). Wenn schon eine richterliche Entscheidung beurteilt werden soll, dann sollte man die Fakten des Falls nicht völlig ignorieren. Weiterlesen →

Staat und Religion

5. November 2006 - 13:35

Qantara, das Online Magazin der Deutschen Welle zum „Dialog mit der islamischen Welt“, hat einen kleinen Text von Paul Scheffer zum Thema Staat und Religionsfreiheit veröffentlicht, der in weniger Sätzen klarstellt, warum die glaubwürdige Trennung von Staat und Religion eine wesentliche Voraussetzung für eine erfolgreiche Integration von Muslimen in Europa ist.

Die Trennung von Staat und Kirche ist nicht nur zum Schutz des Staates vor unangemessenem Druck von seiten der Kirche gedacht, sondern sie soll ebenso - und manchmal sogar mehr noch - die Kirche vor Interventionen des Staates bewahren.

Ich habe jedoch den Eindruck, dass man beim Bekenntnis zu dieser Trennung zu oft nur den Schutz des Staates im Auge hat. Gerade hinsichtlich des Islam muß jedoch immer wieder betont werden, dass den Muslimen grundsätzlich keine Hindernisse in den Weg gelegt werden dürfen, ihren Glauben frei zu praktizieren. Moscheen gehören prinzipiell dazu.

Schön jemanden zu finden, mit dem man der gleichen Meinung ist.

Kopftücher, erneut

31. October 2006 - 21:01

Selbstverständlich sollte, nein muss Ekin Deligöz die Möglichkeit haben, moslemischen Frauen in Deutschland dazu aufzurufen, ihre Kopftücher abzulegen. Schmähungen, Beleidigungen, gar Morddrohungen, wie sie Frau Deligöz wegen ihres Aufrufs erhielt, überschreiten jedes Maß des Akzeptablen. Eine Kopftuchgegnerin unter Polizeischutz zu sehen ist ein bedrückender Anblick und Frau Deligöz verdient alle Solidarität, die ihr jetzt zu teil wird.

Aber auch wenn der grünen Bundestagsabgeordneten alle Unterstützung gebührt, ihr Recht auf Meinungsfreiheit in Anspruch zu nehmen, steht die Zustimmung zu ihrem Appell auf einem anderen Blatt. Ich halte den Aufruf für töricht und wenig hilfreich.

Dass moslemische Frauen nicht selten Kopftücher ganz ohne Zwang und aus eigener Entscheidung heraus tragen, haben schon andere vor mir gesagt. Es gibt grade in jüngster Zeit eine wachsende Zahl von Frauen, die sich für das Kopftuch entscheiden. Offensichtlich sind sie anderer Meinung als Frau Deligöz und sehen die Kopfbedeckung nicht als Symbol „der entrechteten Frau“. Wenn man für Selbstbestimmung eintritt, dann sollte man diese freie Entscheidung auch dann akzeptieren, wenn sie anders ausfällt, als man sich das wünschen würde.

Es gibt unter Frauen in der islamischen Welt eine lebhafte Debatte über das Für und Wider des Kopftuches. Diese Debatte wird ganz ohne Einfluss der Männer geführt. Offensichtlich ist Frau Deligöz mit dieser Kontroverse nicht vertraut. Sonst wüsste sie, dass moslemische Frauen sehr eigenständig sich das Recht nehmen, die Entscheidung selbst zu treffen.

Mich erinnert der Versuch, Moslemminen vom Kopftuch befreien zu wollen, an die Kampagne gegen die sexuelle Ausbeutung von Frauen in den 70er Jahren. Damals wurde argumentiert, dass die männerdominierte Welt die Frauen zu unterdrückten Sexualobjekten machen würde. Das galt natürlich vor allem für die Prostitution. Es hat eine Weile gedauert, bis die Erkenntnis einsickerte, dass viele Beschäftigten in der Sex-Industrie ihr Gewerbe als eine völlig legitime Tätigkeit ansehen und sie nicht von den Freiern befreit werden wollten, sondern sich nur eine bessere Absicherung und Gleichstellung ihres Berufes wünschten. Heute ist der Schutz für Prostituierte gesetzlich geregelt, vor allem dank der Partei der Grünen, bei denen viele der damaligen Aktivistinnen ihre politische Heimat fanden.

Aber selbst wenn wir annehmen würden, das Kopftuch sei ein Symbol der Unterdrückung, was macht der Aufruf für einen Sinn? Wenn die Frauen die Freiheit hätten, das Kopftuch abzulegen, würden sie es längst getan haben. Ihr Problem besteht eben darin, dass sie nicht so können, wie sie wollen, und da helfen keine feurigen Appelle sondern nur praktische Unterstützung.

Leider existiert unter den moslemischen Familien eine verhältnismäßig hohe Zahl, in denen Männer die Frauen tyrannisieren und dabei auch noch glauben, dies mit dem Koran rechtfertigen zu können. Ganz ungeachtet der Frage, ob diese Männer doch sehr selektiv vom Koran Gebrauch machen, brauchen diese Frauen praktische Unterstützung. Das kann Beratung sein, das kann finanzielle Unterstützung sein und das können sogar polizeiliche Maßnahmen sein, wenn die Männer mit Gewalt ihre Stellung zu verteidigen suchen.

Mit Sicherheit ist dies ein mühsamerer Weg als beispielsweise ein Kopftuchverbot in Grundschulen, wie es die Islamkritikerin Necla Kelek fordert. Frau Kelek hat schon eine Reihe von törichten Behauptungen in die Welt gesetzt. Beispielsweise: „Wer bewusst ein Kopftuch trägt, grenzt sich damit auch bewusst von der deutschen Gesellschaft ab. Denn das Kopftuch bedeutet für die Frau, dass sie sich aus dem öffentlichen Leben zurückziehen soll.“ Tatsächlich? Ist in Deutschland kein Platz für eine Muslimin, die die bestehenden Gesetze achtet und ihre Religion frei praktizieren will? Ich dachte, unsere Gesellschaft beruht auf dem Prinzip der Toleranz und schätzt die Religionsfreiheit. Mit solchen Behauptungen schürt man nur die unreflektierte Angst vor dem Islam und kreiert man einen Generalverdacht.

Nun diese törichte Forderung nach dem Kopftuchverbot in der Grundschule. Die praktische Konsequenz wird sein, dass dogmatische eifernde Eltern ihre Mädchen nicht mehr in die Schule schicken werden und damit die Chance verbauen, mit den Grundwerten unserer Gesellschaft im Unterricht vertraut zu werden. Zum zweiten schafft es zweierlei Maß, denn christliche oder jüdische Mädchen können tragen, was immer sie wollen. Das Kopftuch ist – anders als Frau Deligöz und Frau Kelek behaupten - in erster Linie Teil der Religionsfreiheit. Die ist nicht nur vom Grundgesetz geschützt, sondern auch Teil unseres Wertekataloges.

Was wird also mit dem Aufruf, das Kopftuch abzuwerfen, erreicht? Nicht viel mehr als die pauschale Verdächtigung, dass alle islamischen Frauen, die ihr Haar bedecken, entweder unterdrückt sind oder sich freiwillig unterdrücken lassen. Das ist nicht nur falsch, sondern die denkbar schlechteste Voraussetzung für den Dialog, den man gleichzeitig mit der muslimischen Gemeinschaft in Deutschland führen möchte.

Und er lenkt von den wirklich wichtigen Dingen ab. Die Kopftuchaufregung ist eine Aufregung um Äusserlichkeiten und ebenso tiefsinnig wie der einstige Appell an die Frauen, sich von ihren BHs als Zeichen der sexuellen Unterdrückung zu befreien (sorry für diesen zweiten Flashback in die 70er Jahre). Zu recht sind Frauenrechtlerinnen in der islamischen Welt empört darüber, dass sie immer wieder auf die Kleiderfrage reduziert werden. Es geht um wichtigeres wie Zugang zur Bildung, Aufklärung, Ende der materiellen Abhängigkeit, Ende der Gewalt in Familien und Ende der Diskriminierung. Kurz: um Selbstbestimmung – mit oder ohne Kopftuch.