Vergessen

13. June 2008 - 19:40

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Wahrscheinlich gehören ein bekannter Name und ein Nobelpreis, um mit einer Klage auch ausserhalb des Irans Gehör zu finden, die ansonsten unbeachtet bleibt.

Der Guardian veröffentlicht heute ein Gespräch mit Shirin Ebadi anlässlich ihrer Werbetour in Großbritannien für ihr neues Buch über Flüchtlingsrecht. Ebadi klagt darin …

“Since the world started focusing on the nuclear programme, the human rights situation in Iran has worsened every day,”

… und steht mit dieser Klage unter den Menschenrechtsaktivisten im Iran nicht allein.

Als ob international Aufmerksamkeit eine beschränkte Größe wäre, scheint die Kapazität nicht auszureichen, um nicht nur vor der möglichen Gefahr des iranischen Nuklearprogramms zu warnen, sondern um auch gegen anhaltende Verletzungen elementarer Grundrechte im Iran zu protestieren.

Dabei wird die Lage ja nicht besser, sondern im Gegenteil: es wird schlimmer.

Nach dem Amtsantritt von Präsident Ahmadinejad haben die Verhaftungen und Bestrafungen von Frauenaktivisten deutlich zugenommen. Es fand eine Welle von Hinrichtungen (darunter auch Minderjährige) statt. Unabhängige Gewerkschafter werden verfolgt. Es werden weiterhin Zeitungen geschlossen, Journalisten eingesperrt oder mit Berufsverbot belegt. NGOs werden die Erlaubnis entzogen.

Jeder Kontakt mit dem Ausland hat unweigerlich dazu geführt, dass Aktivisten auf den Radarschirm der Sicherheitsbehörden gerieten. Aus Furcht wagen viele es nicht mehr, zu Tagungen ins Ausland zu reisen oder auch nur Emails mit ausländischen Organisationen auszutauschen.

Das ist sicher auch ein Grund, warum außerhalb des Irans die Beachtung der Vorgänge innerhalb des Landes deutlich nachgelassen hat. Bedeutender ist aber, dass in den wenigen Stellungnahmen von europäischen Regierungen zum Iran das Wort „Menschenrechte“ kaum noch vorkommt. Die Atomkontroverse ist fast das alleinige Thema.

Nur George W. Bush verweist des öfteren darauf, dass das Regime in Teheran „die Freiheitsrechte beschneidet“ und versucht sich als „Freund des iranischen Volkes“ anzubiedern. Nach dem Irak, Guatanamo und Abu Ghraib könnte seine Reputation als Anwalt von Menschenrechten kaum niedriger sein und die Absicht ist so durchsichtig, dass damit niemandem im Iran geholfen ist. Für Iraner ist es nicht leichter sondern schwerer geworden, ein Visum für die USA zu erhalten, und sie bedanken sich dafür, dass sie aufgrund des amerikanischen Drucks nun weder Geld ins Ausland überweisen noch Geld aus dem Ausland empfangen können.

In der Vergangenheit hat gerade Ebadi immer wieder darauf hingewiesen, dass zwischen Menschenrechten und der Nuklearkontroverse ein enger Zusammenhang besteht. Würde das Ausland nicht den Intentionen des iranischen Regimes misstrauen, bestände weniger Grund zur Sorge darüber, was denn da in Natanz getrieben wird. Nur eine demokratische Regierung, die auch von der eigenen Bevölkerung kontrolliert werden kann, könnte gewährleisten, dass es bei friedlichen Absichten bleibt.

AlQaida

1. June 2008 - 12:25

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Letzten Donnerstag überraschte der Chef der CIA, Michael V. Hayden, die Reporter der WP in einem Interview mit einer überraschend positiven Bestandsaufnahme in Sachen AlQaida und Bin Laden.

“On balance, we are doing pretty well,” he said, ticking down a list of accomplishments: “Near strategic defeat of al-Qaeda in Iraq. Near strategic defeat for al-Qaeda in Saudi Arabia. Significant setbacks for al-Qaeda globally — and here I’m going to use the word ‘ideologically’ — as a lot of the Islamic world pushes back on their form of Islam,” he said.

Gemeinhin malen westliche Sicherheitsdienste gern ein düsteres Bild von der drohenden Terrorgefahr. Das sichert Jobs und Budgets und verhindert, dass man ihnen Leichtfertigkeit vorwerfen kann, sollte ein unvorhergesagter / unvorhersehbarer Anschlag passieren.

In einem Punkt scheint Hayden aber recht zu haben: es meldet sich in der islamischen Welt und auch in Jihadisten-Zirkeln immer mehr Widerspruch gegen die Ideologie und Politik von AlQaida.

In einem langen (fast 14.000 Worte!) Artikel im New Yorker von dieser Woche schreibt Lawrence Wright über Dr. Fadl, einst ideologischer Wegbereiter von AlQaida, seine Abkehr Einschränkung der Gewalt und dem Wiederhall, das dessen Buch unter den Jihadisten ausgelöst hat.

Fadl alias Sayyid Imam al-Sharif alias Abdul Qader bin Abdul Aziz verbindet ein mehr als vierzigjährige Bekanntschaft mit Ayman al-Zawahiri, der rechten Hand von Osama bin Laden. Beide haben an der selben Universität in Kairo studiert, beide spielten eine bedeutende Rolle in der ägyptischen Terrororganisation Al Jahid, von der ein Teil sich später AlQaida anschloss. In den Anfangsjahren zählte Fadl zum engsten Kreis um bin Laden und schrieb 1988 ein Buch, The Essential Guide for Preparation, das zum wichtigsten Instrument zur Rekrutierung neuer Jihadisten diente.

The “Guide” begins with the premise that jihad is the natural state of Islam. Muslims must always be in conflict with nonbelievers, Fadl asserts, resorting to peace only in moments of abject weakness. Because jihad is, above all, a religious exercise, there are divine rewards to be gained. He who gives money for jihad will be compensated in Heaven, but not as much as the person who acts. The greatest prize goes to the martyr. Every able-bodied believer is obligated to engage in jihad, since most Muslim countries are ruled by infidels who must be forcibly removed, in order to bring about an Islamic state. “The way to bring an end to the rulers’ unbelief is armed rebellion,” the “Guide” states. Some Arab governments regarded the book as so dangerous that anyone caught with a copy was subject to arrest.

Ein Jahr später schrieb Fadl ein Buch, The Compendium of the Pursuit of Divine Knowledge - wie er selbst sagte, sein “Meisterwerk”.

“The Compendium of the Pursuit of Divine Knowledge,” which is more than a thousand pages long, starts with the assertion that salvation is available only to the perfect Muslim. Even an exemplary believer can wander off the path to Paradise with a single misstep. Fadl contends that the rulers of Egypt and other Arab countries are apostates of Islam. “The infidel’s rule, his prayers, and the prayers of those who pray behind him are invalid,” Fadl decrees. “His blood is legal.” He declares that Muslims have a duty to wage jihad against such leaders; those who submit to an infidel ruler are themselves infidels, and doomed to damnation. The same punishment awaits those who participate in democratic elections. “I say to Muslims in all candor that secular, nationalist democracy opposes your religion and your doctrine, and in submitting to it you leave God’s book behind,” he writes. Those who labor in government, the police, and the courts are infidels, as is anyone who works for peaceful change; religious war, not political reform, is the sole mandate. Even devout believers walk a tightrope over the abyss. “A man may enter the faith in many ways, yet be expelled from it by just one deed,” Fadl cautions. Anyone who believes otherwise is a heretic and deserves to be slaughtered.

Mit dieser Schrift hatte Fadl die Einschränkung des Korans, das ein Moslem einen Moslem nur in sehr wenigen Ausnahmesituation töten darf, beiseite geschoben und jedem Jihadisten das Recht eingeräumt, sich zum Scharfrichter seiner Glaubensbrüder zu erheben.

Das hatte weitgehende Konsequenzen. Jeder, der AlQaida im Weg stand, wurde damit zum Freiwild. Das Blutvergießen kannte keine religiösen Einschränkungen mehr. Es war die licence to kill. Weiterlesen →

Pippa Bacca

31. May 2008 - 09:52

(c) Pippa Bacca

In der heutigen LAT schreibt Laura King über Pippa Bacca, eine italienische Performance Künstlerin, die am 31. März unweit von Istanbul ermordet wurde.

Bacca war gemeinsam mit ihrer Freundin Silvia Moro unterwegs von Mailand in den Nahen Osten. Die Reise war ein Kunstprojekt. Beide trugen weiße Hochzeitskleider und bewegten sich per Anhalter fort. Die Kleider sollten die Verbindung unterschiedlicher Kulturen und die Notwendigkeit gegenseitigen Vertrauens symbolisieren und nach Ende der Reise mit allem Schmutz und Staub, Flecken und Rissen ausgestellt werden.

In Gezbe, rund 60 Kilometer südwestlich von Istanbul geriet sie in die Hände eines Mannes, der sie in seinem Auto mitnahm, um sich an ihr zu vergehen und sie zu töten. Die Friedensmission nahm ein blutiges Ende.

Es gab viele Diskussionen um diesen Tod, in der Türkei, in Baccas Heimatland Italien und in der Künstlerszene. Niemand hatte natürlich etwas gegen eine Aktion mit solch lauterer Absicht, aber Bacca wurde Naivität vorgeworfen und die Gefahren unterschätzt zu haben. Als Frau solle man nicht, vor allem nicht allein, in der Türkei Autos anhalten – und erst recht nicht in einem weißen Hochzeitskleid, das bestenfalls Unschuld, schlimmstenfalls Hilflosigkeit signalisieren würde.

Ohne Zweifel war die gesamte Aktion naiv. Die Probleme des Nahen Ostens werden sich nicht durch Appelle an Frieden & Freundschaft lösen lassen.

Dennoch: mit ihrem weißen Kleid sah Bacca aus wie ein Engel.

PS: Baccas Freundin Silvia Moro will die Reise nun allein fortsetzen.

Kopftuchdebatte, damals

29. May 2008 - 22:15

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Ich glaube, es wäre wohl besser, wenn die Europäer sich in diesem Lande all dessen enthielten, was die Mohammedaner verabscheuen; denn wenn diese von ihrer Nation Niemanden tanzen und trinken sehen als nur die allerschlechtesten Leute, so kann ich mich nicht darüber wundern, wenn sei uns mit diesen vergleichen. Ich habe sie deswegen zu verschiedenen Malen schlecht von den Europäern und besonders von der Freyheit unseres Adels reden hören, gegen welchen sie gewiss mehr Respect gehabt haben würden, wenn sie nichts von ihrem Tanze mit fremden Frauenzimmern und ihren maasslosen Trinkgelagen gehört hätten.

Der (fiktive) Alois Schnittke, Ende des 18. Jahrhunderts in Constantinopel
aus Michael Roes, Leeres Viertel Rub’Al-Khali,  München 1998, S. 26

Chris de Burgh

28. May 2008 - 21:04

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Ellbogen fliegen. Es wird geschubst und gedrängelt.

Pressekonferenz heute in Teheran mit Chris de Burgh, irischer Popsänger, dessen Sternchen im Iran immer noch leuchtet.

Die iranischen Kollegen sind gekommen, um ein wenig vom Glanz dieses Sternchens zu erhaschen. Seine zahnschmelzenden Songs sind seit den 80er Jahren im Lande populär und de Burgh gehört neben den Gypsy Kings und Queen (!?!) zu den wenigen ausländischen Popsängern, deren CDs offiziell vertrieben werden dürfen.

„Ich mag seine Songs, vor allem wegen der Texte“, bekennt Kamran, der neben mir an der Wand gepresst ist, um den fliegenden Ellbogen zu entgehen.

Die anderen Kollegen kamen, um sich mit eigenen Augen zu versichern, dass de Burgh tatsächlich entgegen aller Erwartungen doch noch am Leben ist. Ich zumindest.

Natürlich ist das Auftauchen eines westlichen Musikers in Teheran ein Politikum. Westlicher Pop ist verpönt und steht in dem Verdacht, Moral und Anstand zu untergraben. Im Radio werden weichgespülte Fassungen von allemal schon butterweichen Songs gespielt. James Last hätte hier eine Vollzeitstelle haben können.

Unter solchen Vorzeichen ist Chris de Burgh wenn nicht ein Revoluzzer dann doch ein Rebell. Zumindest die Idee davon.

Falsch. „Ich bin ein Humanist“, sagt der Burgh und während ich noch darüber nachsinne, ob Humanismus im Iran nicht doch von Natur aus rebellisch ist oder sein muss, fügt er hinzu: „Ich bin nicht politisch naiv. Ich glaube nicht alles, was in den Medien zu lesen ist“.

Man sollte nie glauben, was alles in den Medien zu lesen ist, aber obwohl er offen lässt, was er beispielsweise nicht glaubt, zielt der Satz auf Punktegewinn bei den einheimischen Machthabern. „Ich weiß, dass Alkohol und solche Sachen verboten sind, aber das ist für mich kein Problem.“

De Burgh möchte gern im Iran auftreten. „Ein Kindheitstraum“ (erstaunlich, wovon Menschen in ihrer Kindheit alles träumen). Die Pressekonferenz wurde einberufen, um Fakten zu schaffen. Nun ist er schon mal da, warum soll er dann nicht auch singen? Dass sie überhaupt stattfinden kann, ist schon ein Zeichen dafür, dass die Veranstalter sich der Rückendeckung sicher sein können.

„Ich verspreche Ihnen, dass Mr. de Burgh im Iran in Konzerten auftreten wird.“ Signalisiert Mohsen Rajabpour. Er ist der Manager der iranischen Band Arian, Schwarm junger Mädchen (die Band!) und Produzenten von vier Alben, in denen lauwarme Musik und pubertäre Liebeslyrik zu einem faden Gebräu verschmelzen. Immerhin, sie haben die Formel gefunden, mit der man im Iran eine Imitation von Popmusik präsentieren kann: adrett und freundlich, westlich aber nicht unislamisch, Privatleben bleibt privat und konsequent zu allem schweigen, was irgendwie kontrovers sein oder werden könnte. Sie werden wohl mit Chris de Burgh zusammen auftreten, wenn es zu den Konzerten (wahrscheinlich im Oktober oder November) kommen sollte.

Ordnungsruf an mich selbst: man muss die Musik von de Burgh ja nicht mögen. Wichtiger ist, dass das Tabu westlicher Popmusik im Iran gebrochen wird. Der Ire wäre der erste. Wer weiß, wer danach noch kommt?

Einen Titel haben die geplante Konzerte noch nicht. Mein Vorschlag: The Road to Freedom (siehe oben).

Naaa … just kiddin‘.