AlQaida

1. June 2008 - 12:25

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Letzten Donnerstag überraschte der Chef der CIA, Michael V. Hayden, die Reporter der WP in einem Interview mit einer überraschend positiven Bestandsaufnahme in Sachen AlQaida und Bin Laden.

“On balance, we are doing pretty well,” he said, ticking down a list of accomplishments: “Near strategic defeat of al-Qaeda in Iraq. Near strategic defeat for al-Qaeda in Saudi Arabia. Significant setbacks for al-Qaeda globally — and here I’m going to use the word ‘ideologically’ — as a lot of the Islamic world pushes back on their form of Islam,” he said.

Gemeinhin malen westliche Sicherheitsdienste gern ein düsteres Bild von der drohenden Terrorgefahr. Das sichert Jobs und Budgets und verhindert, dass man ihnen Leichtfertigkeit vorwerfen kann, sollte ein unvorhergesagter / unvorhersehbarer Anschlag passieren.

In einem Punkt scheint Hayden aber recht zu haben: es meldet sich in der islamischen Welt und auch in Jihadisten-Zirkeln immer mehr Widerspruch gegen die Ideologie und Politik von AlQaida.

In einem langen (fast 14.000 Worte!) Artikel im New Yorker von dieser Woche schreibt Lawrence Wright über Dr. Fadl, einst ideologischer Wegbereiter von AlQaida, seine Abkehr Einschränkung der Gewalt und dem Wiederhall, das dessen Buch unter den Jihadisten ausgelöst hat.

Fadl alias Sayyid Imam al-Sharif alias Abdul Qader bin Abdul Aziz verbindet ein mehr als vierzigjährige Bekanntschaft mit Ayman al-Zawahiri, der rechten Hand von Osama bin Laden. Beide haben an der selben Universität in Kairo studiert, beide spielten eine bedeutende Rolle in der ägyptischen Terrororganisation Al Jahid, von der ein Teil sich später AlQaida anschloss. In den Anfangsjahren zählte Fadl zum engsten Kreis um bin Laden und schrieb 1988 ein Buch, The Essential Guide for Preparation, das zum wichtigsten Instrument zur Rekrutierung neuer Jihadisten diente.

The “Guide” begins with the premise that jihad is the natural state of Islam. Muslims must always be in conflict with nonbelievers, Fadl asserts, resorting to peace only in moments of abject weakness. Because jihad is, above all, a religious exercise, there are divine rewards to be gained. He who gives money for jihad will be compensated in Heaven, but not as much as the person who acts. The greatest prize goes to the martyr. Every able-bodied believer is obligated to engage in jihad, since most Muslim countries are ruled by infidels who must be forcibly removed, in order to bring about an Islamic state. “The way to bring an end to the rulers’ unbelief is armed rebellion,” the “Guide” states. Some Arab governments regarded the book as so dangerous that anyone caught with a copy was subject to arrest.

Ein Jahr später schrieb Fadl ein Buch, The Compendium of the Pursuit of Divine Knowledge - wie er selbst sagte, sein “Meisterwerk”.

“The Compendium of the Pursuit of Divine Knowledge,” which is more than a thousand pages long, starts with the assertion that salvation is available only to the perfect Muslim. Even an exemplary believer can wander off the path to Paradise with a single misstep. Fadl contends that the rulers of Egypt and other Arab countries are apostates of Islam. “The infidel’s rule, his prayers, and the prayers of those who pray behind him are invalid,” Fadl decrees. “His blood is legal.” He declares that Muslims have a duty to wage jihad against such leaders; those who submit to an infidel ruler are themselves infidels, and doomed to damnation. The same punishment awaits those who participate in democratic elections. “I say to Muslims in all candor that secular, nationalist democracy opposes your religion and your doctrine, and in submitting to it you leave God’s book behind,” he writes. Those who labor in government, the police, and the courts are infidels, as is anyone who works for peaceful change; religious war, not political reform, is the sole mandate. Even devout believers walk a tightrope over the abyss. “A man may enter the faith in many ways, yet be expelled from it by just one deed,” Fadl cautions. Anyone who believes otherwise is a heretic and deserves to be slaughtered.

Mit dieser Schrift hatte Fadl die Einschränkung des Korans, das ein Moslem einen Moslem nur in sehr wenigen Ausnahmesituation töten darf, beiseite geschoben und jedem Jihadisten das Recht eingeräumt, sich zum Scharfrichter seiner Glaubensbrüder zu erheben.

Das hatte weitgehende Konsequenzen. Jeder, der AlQaida im Weg stand, wurde damit zum Freiwild. Das Blutvergießen kannte keine religiösen Einschränkungen mehr. Es war die licence to kill. Weiterlesen →

Zweifel am “Krieg gegen den Terrorismus”

3. December 2006 - 22:11

James Risen schreibt heute in der Sonntagsbeilage der New York Times, der von Präsident George W. Bush deklarierte „Krieg gegen den Terror“ erfahre derzeit in den USA eine Überprüfung.

Grund für diese Beobachtung ist zum einen die Entscheidung des US Justizministerium, eine Untersuchung im eigenen Haus über das heftig umstrittene Abhörprogramm der National Security Agency, die nach bekannt werden eingestellt werden musste, einzuleiten. Dann erklärte sich die US Regierung in einem Vergleich bereit, einem Rechtsanwalt aus Oregon, der ohne Grundlage im Zusammenhang mit den Anschlägen in Madrid 2004 inhaftiert wurde, eine Entschädigung in Höhe von 2 Millionen US Dollar zu zahlen.

In den vergangenen Monaten hat der Surpreme Court zudem mehrfach einzelne Maßnahmen der US Regierung wie die geplanten Militärtribunale in Guantánamo für verfassungswidrig erklärt, und nach Einschätzung von Risen wird auch der Wahlsieg der Demokraten bei den Zwischenwahlen zu einem Klimawechsel im Congress führen.

Das Pendel schwingt zurück? – Keine Minute zu früh.

In der jüngsten Ausgabe der New York Review of Books befasst sich Max Rodenbeck anhand einiger Bücher zum Thema mit der Frage, ob nicht das Konzept eines Krieges gegen den Terrorismus von vorne herein falsch angelegt ist.

Besonders angetan hat es ihm das Buch What Terrorists Want: Understanding the Enemy, Containing the Threat von Louise Richardson. Die Autorin lehrt schon seit Jahren an der Harvard Universität zum Thema Terrorismus. Rodenbeck fasst die Hauptaussagen ihres Buches in 12 Punkten zusammen.

Hier meine Zusammenfassung seiner Zusammenfassung (sorry, aber in Teheran ist es nicht so einfach, an solche Bücher heran zu kommen):

  • Terrorismus ist nichts Neues, sondern der Einsatz von Gewalt gegen Zivilisten zur Erreichung eines politischen Ziels existiert schon seit biblischen Zeiten.
  • Terrorismus ist eine Bedrohung und verabscheuungswürdig, aber es ist verhältnismäßig keine sehr große Bedrohung. Sechsmal mehr Amerikaner kommen jedes Jahr durch Trunkenheit am Steuer ums Leben als im World Trade Center gestorben sind.
  • Die Gefahr, dass Terroristen Massenvernichtungswaffen einsetzen könnten, ist bei weitem nicht so groß, wie manche Panikmacher uns einreden wollen. Sowohl biologische wie chemische Waffen sind nicht sehr einfach effektiv zu handhaben, und es gibt keinerlei Hinweise, dass bislang irgendeine terroristische Gruppe auch nur in die Nähe des Besitzes einer Atomwaffe gekommen ist.
  • Viele Terroristen sind durchaus keine Verrückten. Die Entscheidung für den Terrorismus kann durchaus rational und kalkuliert getroffen worden sein. Wenn sich die Rahmenbedingungen ihrer Entscheidung ändern, könnten sie sich dazu entschließen, (siehe IRA, siehe RAF) den Terrorismus wieder aufzugeben.
  • Viele Gruppen, die terroristische Gewalt einsetzen, rechtfertigen ihr Tun als einen Akt der Verteidigung. Das ist nicht selten haarsträubender Unsinn, sollte man für eine Gegenstrategie aber zur Kenntnis nehmen.
  • Auch Selbstmordattentate können eine rational getroffene Wahl sein. Sie sind billig, es lassen sich Ziele leichter erreichen und sie verbreiten Schrecken. Selbstmordattentäter sind typischer Weise keine Einzelgänger. In ihrem Willen, für eine Sache zu sterben, werden sie oft von der Solidarität einer engen Gruppe von Mittätern gestärkt. Auch Selbstmordattentate sind kein neues Phänomen.
  • Es gibt keine besondere Verbindung zwischen Islam und Terrorismus. Die meisten großen Religionen habe eine Form von Terrorismus hervorgebracht, und viele Terroristen waren oder sind Atheisten. Terroristische Gruppen nutzen oft die Religion, um ihre Attraktivität zu erhöhen.
  • Repräsentative Demokratien sind nicht notwendigerweise gegen Terrorismus immun. Die baskische ETA ist ein Beispiel.
  • Demokratische Prinzipien sind kein Hindernis bei der Verfolgung von Terroristen. Im Gegenteil, so Richardson, „sie gehören zu den stärksten Waffen in unserem Arsenal“.
  • Es ist manchmal notwenig, im Kampf gegen den Terrorismus zu militärischen Maßnahmen zu greifen, aber dies ist meist nicht der beste Weg. Die Hisbollah war nach Abzug der israelischen Truppen aus dem Süd-Libanon stärker als zuvor.
  • Armeen schaffen meist mehr Probleme als sie lösen. Siehe die rasch schwindende Popularität der US Truppen im Irak.
  • Ein Eingehen auf die Ziele der Terroristen ist nicht unbedingt mit Nachgeben gleichzusetzen. Die Entwaffnung der IRA ist ein erfolgreiches Beispiel für die Einbindung einer terroristischen Gruppe in einen politischen Prozess. Die Fortsetzung des Terrorismus kann für politisch orientierte Gruppen zum Hindernis werden, ihre Ziele zu erreichen.

All diese Punkte, die ich sehr verkürzt habe, sind kein fertiges Rezept für die erfolgreiche Bekämpfung von Bin Laden & Co, aber sie bilden eine gute Grundlage zu verstehen, warum der „Krieg gegen Terrorismus“, so wie ihn die US Regierung führt, nur als Fehlschlag enden kann und im schlimmsten Fall sogar den Terrorismus stärkt (noch mal der Irak als Beispiel).

Ein beruhigender Aspekt: laut Richardson haben historisch die wenigsten Terrorgruppen jemals ihr politisches Ziel erreicht.